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Die Techkonzerne sollten zuerst in die Pflicht genommen werden
Die von Bildungs- und -familienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat geliefert. Und das nicht zu knapp. 56 Handlungsempfehlungen legte das Gremium heute vor. Es dürfte international einer der umfassendsten Vorschläge sein, um Kinder vor verstörenden Inhalten, Cybermobbing, aufdringlichen Chatbots und suchtfördernden Technologien zu schützen. Gleichzeitig könnte der Umfang zum Problem werden.
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Piotr Heller
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“.
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Denn der „Schutz“ ist nur eines von drei Zielen des Papiers. Die anderen beiden sind die Teilhabe an der digitalen Welt sowie die Befähigung, dort kompetent zu handeln. Entsprechend wehrt sich die Kommission gegen ein Verbot sozialer Medien für junge Menschen, wie es etwa Australien eingeführt hat, mit den Worten: „Schutz darf nicht in pauschalen Ausschluss münden.“
 
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Stattdessen wollen die Experten die Verantwortung für einen guten Umgang mit digitalen Medien gesellschaftlich breit verteilen. Das fängt bei werdenden Eltern an, die zum Umgang mit digitalen Medien geschult werden sollen. Niedrigschwellige Beratungsangebote sollen verschiedene Elternschichten erreichen. Fachpersonal, also Lehrer, Erzieher und Sozialpädagoge, soll im Umgang mit KI und digitalen Medien ausgebildet werden. Doch selbst an Schulen lehnen die Experten Verbote ab: Smartphones sollen zwar aus Grundschulen verschwinden, schon ab der achten Klasse sei es jedoch vorzuziehen, wenn Lehrer mit Schülern „verbindliche Nutzungskonzepte“ erarbeiten. Für das Gesundheitssystem empfehlen die Experten Präventionsangebote und Standards beim Umgang mit suchtartigem Verhalten, zudem Hilfsangebote für Betroffene.
Die digitalen Plattformen wie Tiktok, Instagram und dergleichen wollen die Experten regulieren: abgestufte Schutzstandards für Nutzer im Alter von 13 bis 16 sowie 17 bis 18 Jahren. Für diese Altersgruppen soll es weder algorithmische Feeds geben, die Inhalte auswählen, noch personalisierte Werbung noch suchtverstärkende Funktionen und manipulative Designmuster.
Jede der Empfehlungen ist wünschenswert. Doch in Summe beschreiben sie eine unrealistische Ideallösung. Sind Schulen nicht bereits damit überfordert, Kindern Lesen und Schreiben beizubringen? Wie viel Vertrauen darf man – Beratungsangebote hin oder her – in Eltern setzen? Wie viele Kapazitäten hat das Gesundheitssystem? Den Empfehlungen fehlt eine klare Priorisierung. Vielleicht wird diese noch kommen, wenn sie im September in eine Gesamtstrategie überführt werden.
Digitale Teilhabe, aber woran eigentlich?
Die zentrale Frage dabei müsste lauten: Sollen Kinder und die Gesellschaft sich an riskante digitale Umgebungen anpassen? Oder sollte man vor allem die Umgebungen kindgerecht gestalten? Hier wirkt die Fixierung der Experten auf die Idee der Teilhabe fatal. Denn der Empfehlungskatalog bleibt eine Antwort auf die Frage schuldig: Teilhabe, woran eigentlich?
Jugendliche nutzen im Internet vor allem soziale Medien. Teilhabe gibt es hier nur zu den Bedingungen der Plattformen. Wer mitmacht, wird vermessen, gelenkt und monetarisiert. Die Nutzer werden hier selbst zum Rohstoff der Aufmerksamkeitsökonomie. Das ist der Kern des Problems. Die fesselnde Technologie der Plattformen sorgt dafür, dass Jugendliche mehrere Stunden am Tag dort verbringen – und die Folgen sollen dann Eltern, Schulen und das Gesundheitssystem auffangen? Natürlich ist es gut, dass einige der Empfehlungen die Techkonzerne adressieren. Aber es geschieht nicht mit der Schärfe und Priorität, die nötig wäre, wenn man die Plattformen als Verursacher begreift.
Ihnen spielt zudem die Verteilung der Verantwortung in die Hände. Schon heute verweisen die Unternehmen auf die Zuständigkeit der Eltern. Beim Prozess um psychische Schäden, den eine Zwanzigjährige im Februar in erster Instanz gegen den Facebook-Konzern Meta gewann, hatten die Verteidiger – erfolglos – argumentiert, die Mutter der jungen Frau sei schuld an deren psychischen Problemen. Zudem stellt der Konzern „Ressourcen und Tools“ für Eltern zur Verfügung – anstatt die Plattformen sicher für Kinder zu gestalten.
Doch die geforderte Regulierung der Plattformen wird lange dauern. Allein die dafür notwendige Infrastruktur für Alterskontrollen wird voraussichtlich erst im Jahr 2027 kommen. Die Schäden entstehen aber jetzt. Wenn man also kein Verbot will – wie wäre es mit einem Moratorium? Keine sozialen Medien für Jugendliche, bis die wichtigsten Empfehlungen der Experten nicht umgesetzt sind. Vielleicht könnte das die Sache beschleunigen.
 
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