Meinung
                                                           
Dienstag, 08.09.2026 | Zur Online-Ansicht
 
 Frankfurter Allgemeine
MEINUNG
Der Kommentar-Newsletter
Deutschlands PISA-Absturz entlarvt die Bildungsversäumnisse
Noch nie haben deutsche Schüler bei PISA so schlecht abgeschnitten. Bei allen Leistungsvergleichen seit etwa zehn Jahren kennt die Entwicklung nur eine Richtung: nach unten. Der Leistungsverlust ist ein internationales Phänomen, aber das ist kein Trost. Die ernüchternde Botschaft lautet: Was auch immer an Bildungsreformen und Neuerungen angestoßen wurde, nichts hat eine dauerhafte Verbesserung der Leistungsergebnisse gebracht.
Autorenbild
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
Plus Sign Folgen
Dabei war Deutschland nach dem großen PISA-Schock im Jahr 2000 eine Aufholjagd gelungen: 2015 stand es deutlich besser da. Offenkundig hat es am langen Atem gefehlt. Die Anstrengungen konnten nicht aufrechterhalten werden, weil die Konsequenz fehlte.
 
Diesen Newsletter mit Freunden teilen
Teilen Sie diesen Newsletter als Mail   Teilen Sie diesen Newsletter auf LinkedIn   Teilen Sie diesen Newsletter auf Facebook   Teilen Sie diesen Newsletter in WhatsApp   Teilen Sie diesen Newsletter auf X
 
Anzeige
timer trk_px
 
Bildung hat immer mehr an gesellschaftlichem Stellenwert eingebüßt. Das ist in den asiatischen Ländern ganz anders. Dass es auch in Europa ganz anders geht, zeigt das kleine Estland. Dort ist es gelungen, die Freude am Lesen dauerhaft zu kultivieren – trotz einer gerade in diesem Land weit fortgeschrittenen Digitalisierung, aber auch klaren Regeln zum Gebrauch des Handys in der Schule mit einem Nutzungsverbot in den Pausen.
Eltern lesen nicht mehr vor
Hierzulande lesen viel zu viele Eltern nie vor, und die Leseunfähigkeit und Leseunlust der Schüler sind erschreckend hoch. Hinzu kommen die veränderten Schülergruppen mit viel zu vielen Kindern, die am Ende der Grundschule schon aus sprachlichen Gründen nicht weiterbildungsfähig sind.
Es fehlt ihnen an Deutschkenntnissen, aber auch an sozialen und motorischen Voraussetzungen. Sie können nicht still sitzen, keine Schere halten und haben von zu Hause keinerlei Unterstützung. Es ist ein erschreckender Befund, dass ein Drittel der 15 Jahre alten Jugendlichen weder in Mathematik noch im Lesen über die Basiskompetenzen verfügt.
Das bedeutet, dass sie über das Niveau der ersten Grundschuljahre nie hinausgekommen sind. An der Leistungsspitze sieht es kaum besser aus. Sie ist immer schmaler geworden. Das bedeutet, dass die Förderung weder am untersten noch am obersten Ende der Leistungslatte gelingt. Dass das mit der Qualität des Unterrichts zu tun hat, liegt auf der Hand.
Lehrer kämpfen um Disziplin
Aber was hilft es Lehrern, die schon genug im Kampf um Disziplin in ihren Klassen zu tun haben, gebetsmühlenartig zu empfehlen, sie sollten die Klassenführung verbessern, die Schüler konstruktiv unterstützen und einen kognitiv anregenden Unterricht machen? Bis eine durchgängige Lehrerfort- und Weiterbildung alle Lehrkräfte erreicht hätte, würde es eine weitere Dekade dauern. Das ist zu lang. Digitale Fortbildungsangebote, die pragmatisch und praxisnah sind, wären vonnöten.
Ein entscheidender Hebel ist eine verlässliche frühkindliche Bildung, an deren Ende die Einschulungsreife stehen muss. Verweigern sich Eltern der Sprachförderung, muss das konsequent sanktioniert werden. Angesichts des PISA-Befundes, dass es keinem Land so wenig gelungen ist, die Einwanderer der ersten Generation mit spätem Zuzug ausreichend zu integrieren, muss der Sprachbildung oberste Priorität zukommen. Nur wer die Sprache souverän beherrscht, wird auch die herkunftsbedingten Unterschiede ausgleichen können.
In der Grundschule muss regelmäßig der Lernstand erhoben werden. Es genügen kurze Tests, die nicht benotet werden, um dem Lehrer und der Schule zu zeigen, ob der Unterricht erfolgreich war oder nicht. Hamburg hat so seinen Aufstieg in die Spitzengruppe der deutschen Länder geschafft. In allen Ländern, wo auf Verbindlichkeit und Kontinuität gesetzt wird – auch in Bayern, Sachsen und neuerdings auch wieder in Baden-Württemberg – zeigt sich das in besseren Leistungsergebnissen.
Es geht nicht um einen riesigen Wust an Datenerhebungen, sondern um wenige aussagekräftige etwa im Lesen und Rechnen, die viermal im Jahr erhoben werden müssten. Das ist allemal besser als Reformaktionismus. Klar ist auch, dass daraus gezielte Förderung der Schwächsten, aber auch der Stärksten folgen und dass regelmäßig mehr geübt werden muss. Das sind ebenso einfache wie wirkungsvolle Mechanismen, die jede Schule von morgen an schon etablieren kann, wenn Schulleitung und Kollegium das wollen. Allerdings brauchen sie Ausdauer und Konsequenz.
Die Startchancenprogramme, Qua-Math für den Matheunterricht und Star-S für die Grundschule, laufen schon. Ob sie nur Milliarden verschlingen oder auch bessere Leistungen hervorbringen, steht derzeit in den Sternen. Bis dahin geht es darum, im Kleinen anzufangen, zu üben und Verpflichtung und Disziplin aufrechtzuerhalten.
 
Ihnen wurde der Newsletter weitergeleitet?
 Jetzt kostenlos abonnieren 
 
Weitere F.A.Z.-Kommentare
 
Klingbeils Teufelskreis
 
Gefährliche Haushaltspolitik
Klingbeils Teufelskreis
Höhere Schulden führen zu einer wachsenden Zinslast, die weitere Schulden nach sich zieht. So kann es nicht weitergehen.
Manfred Schäfers, Berlin
 
Sachsen-Anhalt
Auch für die AfD ist diese Wahl eine Zäsur
Will die AfD in Sachsen-Anhalt regieren, muss sie Kompromisse schließen. Das war bislang ein von ihr so verachtetes Markenzeichen der „Altparteien“.
Jasper von Altenbockum
 
Sachsen-Anhalt
Keine Zeit für eine Hängepartie
In Sachsen-Anhalt zeichnet sich eine komplizierte Regierungsbildung ab. Für den Wirtschaftsstandort ist die Unsicherheit Gift.
Stefan Paravicini
 
Neuer Gesetzentwurf
Die Pflegeversicherung ist zu großzügig
Der neue Gesundheitsminister Carsten Linnemann hat mit der Pflegereform ein heikles Projekt vor sich. Er sollte sich die Rentenpläne zum Vorbild nehmen. Ohne Kürzungen und Kapitaldeckung geht es nicht.
Christian Geinitz
 
Teamchef Flavio Briatore
Der alte Mann und die Moral
Flavio Briatore wettert in Monza gegen einen „gehässigen Staatsanwalt“. Doch als Beschützer der Entrechteten taugt Briatore schon lange nicht mehr – im Gegenteil.
Anno Hecker, Monza
 
  F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen
 F.A.Z. bei Google bevorzugen 
 
Empfehlungen des Verlages
Jubiläumsangebot
3 Monate F.A.Z. ab 77,70 €
Feiern Sie mit uns 77 Jahre F.A.Z.! Lesen Sie die F.A.Z. inklusive FAZ+ 3 Monate lang ab 77,70 € und nehmen Sie automatisch am großen Jubiläumsgewinnspiel teil.
Sprachkurse
Lernen Sie eine neue Sprache
Sprachenlernen war noch nie so einfach: In wenigen Minuten am Tag Ihr Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch verbessern – online und mit Spaß!
25 Jahre FAZ.NET
5 Monate FAZ+ für nur 5 € pro Monat
Sichern Sie sich jetzt den Zugang zu allen FAZ+ Artikeln auf FAZ.NET und in der F.A.Z.-App zum Jubiläumspreis und gewinnen Sie mit etwas Glück eine Traumreise!
F.A.Z. Selection
Design-Klassiker von Hedwig Bollhagen
Keine Form ohne Funktion – Entdecken Sie handgefertigte Stücke, die Bauhaus-Ästhetik und praktischen Nutzen vereinen.
F.A.Z. Selection
Weinselection – Die Goldenen Zwanziger
Diese F.A.Z.-Weinselection vereint sechs ausgewählte Pfälzer Weine aus den Jahrgängen 2020 bis 2025 – jetzt entdecken und genießen.
F.A.Z.-Partnersuche
Finden Sie Ihre Liebe
Jetzt Partnersuche starten: Finden Sie jemanden, der zu Ihnen passt, und genießen Sie, wie schön das Leben zu zweit sein kann.
 
 
Folgen Sie der F.A.Z.
Folgen Sie uns auf WhatsApp Folgen Sie uns auf Instagram Folgen Sie uns auf LinkedIn Folgen Sie uns auf Threads Folgen Sie uns auf YouTube Folgen Sie uns auf X Folgen Sie uns auf Facebook
Zur F.A.Z. App
 Apple App Store   Google Play Store 
F.A.Z. Newsletter
verwalten     entdecken
Newsletter „Meinung“
abbestellen
Copyright: Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH,
Pariser Straße 1, 60486 Frankfurt am Main, Hessen, Germany
Tel.: (0)69 7591-0, E-Mail: info@faz.net

HRB 7344, Amtsgericht Frankfurt am Main,
USt.-IDNr.: DE 114 232 732

Geschäftsführung: Dr. Volker Breid
Herausgegeben von Gerald Braunberger, Jürgen Kaube,
Carsten Knop, Berthold Kohler
 
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2001 – 2026
Alle Rechte vorbehalten.