Alles Wichtige zur Entwicklung der digitalen Transformation.
Der neue Gatekeeper in der Stadt
Künstliche Intelligenz legt sich als neue Schicht über das Internet. Wer in dieser Schicht nicht vorkommt, verliert Reichweite, Kunden und Relevanz. Das gilt für Handel, Marken und Medien gleichermaßen.
Über zwei Jahrzehnte lang war Googles Suchmaschine der zentrale Verkehrsknotenpunkt im Internet. Wer in der Suchmaschine nicht gefunden wurde, existierte nicht. Diese Ära geht zu Ende. Nicht weil Google verschwindet, sondern weil sich eine neue Schicht über das Netz legt: Künstliche Intelligenz. ChatGPT allein zählt inzwischen 900 Millionen aktive Nutzer pro Woche. Zusammen mit Googles Gemini, Perplexity und anderen KI-Assistenten entsteht ein Interface, das nicht mehr Links sortiert, sondern Antworten gibt. Wer in diesen Antworten nicht vorkommt, wird unsichtbar.
Holger Schmidt
Verantwortlicher Redakteur für Newsletter und Verticals.
Die Dimension dieser Verschiebung lässt sich messen. Laut einer Similarweb-Analyse nutzen Konsumenten KI-Assistenten in jeder Phase der Kaufentscheidung häufiger als klassische Suchmaschinen. Die KI übernimmt genau den Teil der Customer Journey, in dem Präferenzen geformt und Marken ausgewählt werden. Der Händler, der die Transaktion abwickelt, bekommt nur noch den Kunden, den die KI ihm zuführt.
Dass Open AI seinen „Instant Checkout“ in ChatGPT wieder einstellt, ändert daran nichts. Das Unternehmen konzentriert sich nun auf Produktempfehlungen und gibt die Transaktion an Händler-Apps ab. Es gibt die Kasse ab, behält aber die Beratung. Für den Handel ist das keine Entwarnung, sondern die Bestätigung, dass die Macht über die Kaufentscheidung bei der Empfehlung liegt, nicht beim Check-out.
Was für den E-Commerce gilt, gilt für Medien und Marken ebenso. Die durchschnittliche Google-Suche ist dreieinhalb Wörter lang, ein ChatGPT-Prompt umfasst 60 Wörter. Nutzer formulieren keine Stichwörter mehr, sondern Gedanken, Präferenzen und Kontexte. Die KI verweist nicht auf zehn blaue Links, sondern gibt eine Antwort. Welche Quelle zitiert, welche Marke empfohlen und welcher Händler genannt wird, entscheidet ein Algorithmus.
Dabei ist der Traffic, den KI-Plattformen weiterleiten, bemerkenswert in der Qualität. Von ChatGPT verwiesene Nutzer konvertieren auf E-Commerce-Seiten deutlich besser als Kunden von Suchmaschinen. Die Menschen, die über KI kommen, haben ihre Entscheidung bereits getroffen.
Der strategische Imperativ ist branchenübergreifend derselbe: Sichtbarkeit in KI-generierten Antworten wird zur Existenzfrage. Im Marketing firmiert das als „Generative Engine Optimization“. Doch die meisten Unternehmen optimieren weiterhin für eine Suchmaschine, während ihre Kunden längst mit einem Assistenten sprechen. Das Fenster, in dem Marken, Händler und Medien ihre Position in der neuen KI-Schicht aufbauen können, ist jetzt geöffnet.
Und jetzt noch etwas in eigener Sache:
Wir starten im Juni mit unserer dritten Ausgabe der F.A.Z. KI-Konferenz. Da unsere Räume im F.A.Z.-Tower dem Andrang nicht mehr gewachsen sind, ziehen wir am 22. und 23. Juni in das Kloster Eberbach im Rheingau. Als Themen sind „Die Zukunft der KI“, „KI-Agenten auf dem Vormarsch“ und „KI in der Verteidigung“ gesetzt. Wir werden uns aber auch mit dem Einfluss der KI auf die Finanzwelt, die Medizin oder die Kunst widmen. Im Kloster treffen Tradition und Zukunft aufeinander, und wir hoffen auf intensive Debatten. Seien Sie dabei. Den Weg zur Anmeldung finden Sie hier.
Musk baut in Memphis eine Rechenfabrik, und Brüssel will mit Opt-out und Lizenzpflichten klären, wem die Milliarden Trainingskopien aus Europas Medien und Kreativwirtschaft gehören. Reuters
Die Hardwarechefin von Open AI, Caitlin Kalinowski, ist zurückgetreten. Anlass ist ein Vertrag des Unternehmens mit dem US-Verteidigungsministerium. Kalinowski kritisierte, Open AI habe zu schnell entschieden, seine KI-Modelle auf geheimen Netzen des Pentagons einzusetzen. Fragen zu Aufsicht, möglicher Überwachung und autonomen Waffensystemen seien nicht ausreichend geklärt worden.
Der KI-Pionier Yann LeCun
hat für sein neues Start-up AMI Labs mehr als eine Milliarde Dollar eingesammelt. Das Unternehmen will KI-Systeme entwickeln, die nicht nur Sprache verarbeiten, sondern sogenannte Weltmodelle der Realität bilden. Solche Modelle sollen physikalische Zusammenhänge verstehen und komplexe Prozesse simulieren
Das Legal-Tech-Unternehmen Legora hat eine Finanzierungsrunde über 550 Millionen Dollar abgeschlossen und wird nun mit 5,5 Milliarden Dollar bewertet. Angeführt von Accel und unterstützt durch Bain Capital und Y Combinator, fließt das Kapital primär in die Expansion in den Vereinigten Staaten.
Laut einer Studie von Deloitte setzen rund 70 Prozent der Führungskräfte künftig auf Geschwindigkeit als zentrale Wettbewerbsstrategie. KI beschleunigt Innovationszyklen und verändert Arbeitsorganisation, Rollen und Entscheidungsprozesse.
Mira Muratis Start-up Thinking Machines Lab
hat sich verpflichtet, von Anfang nächsten Jahres an ein Gigawatt Nvidia-betriebene Rechenleistung zu nutzen, und geht eine mehrjährige Partnerschaft mit Nvidia ein. Die ehemalige Open-AI-Führungskraft beabsichtigt, auf Frontier-Ebene mit anderen KI-Unternehmen zu konkurrieren.
In der Hochschulbibliothek trifft der Nachwuchs auf eine neue Hürde, denn generative KI entwertet Lehrbuchwissen und verschiebt den Einstieg in den Arbeitsmarkt zugunsten erfahrener Fachkräfte. Jannis Schubert
Eine neue VDI-Studie zeigt, dass der technologische Wandel den Qualifizierungsbedarf von Ingenieuren stark erhöht. Rund 80 Prozent erwarten, ihre Kompetenzen in den kommenden drei Jahren erweitern zu müssen. Treiber sind vor allem KI und Digitalisierung. Gleichzeitig verschärfen Fachkräftemangel und demografischer Wandel den Druck.
Eine Studie beschreibt das neue Phänomen des „AI brain fry
“. Gemeint sind mentale Ermüdung und langsamere Entscheidungen, wenn Mitarbeiter mehrere KI-Tools parallel steuern. Der Produktivitätseffekt steigt, wenn ein oder zwei KI-Werkzeuge eingesetzt werden. Ab drei Tools nimmt der zusätzliche Nutzen jedoch ab. Die kognitive Belastung wächst, weil Nutzer die Ergebnisse verschiedener Systeme korrigieren müssen.
US-Konzerne bewerten den Einsatz von KI zunehmend über eine Kennzahl: die „Labor Cost Margin
“. Sie misst, wie stark Technologie menschliche Arbeit ersetzt und Kosten pro Leistungseinheit senkt. Laut einer KPMG-Umfrage investieren viele Firmen bereits einen erheblichen Teil ihres Budgets in KI. Jobs verändern sich, besonders repetitive Tätigkeiten geraten unter Druck.
Eine Umfrage unter 933 US-Führungskräften zeigt, wie stark KI die Personalplanung
verändert. Bereits 21 Prozent der Unternehmen stellen wegen KI keine Berufseinsteiger mehr ein. Bis 2027 erwarten 47 Prozent einen vollständigen Stopp solcher Einstellungen. Experten warnen: Wenn Einstiegsjobs verschwinden, bricht die wichtigste Trainingsstufe für künftige Fach- und Führungskräfte weg.
Trump Regierung verteuert das H 1B Visum mit 100.000 Dollar Zusatzgebühr und gehaltsgewichteter Auswahl so, dass vor allem Start-ups im Silicon Valley Schlüsselkräfte verlieren. Picture Alliance
Unternehmen investieren trotz schwacher Konjunktur weiter in Digitalisierung und Elektromobilität, während Ausgaben für Produktionsmaschinen sinken. Das Leasing-Neugeschäft stieg 2025 nominal um 3,2 Prozent auf 83,12 Milliarden Euro. IT-Investitionen legten um neun Prozent zu, zwei Drittel neuer Elektroautos werden geleast. Industrieinvestitionen bleiben jedoch deutlich unter Druck.
Die Verlagsbranche treibt ihre digitale Transformation
voran. Laut BDZV-Trendumfrage erwarten die Häuser zweistelliges Wachstum bei digitalen Abos und Werbeerlösen, während Print weiter schrumpft. Rund 60 Prozent rechnen mit dem Ende der gedruckten Zeitung innerhalb von 15 Jahren. Künstliche Intelligenz gilt als zentraler Effizienzhebel, zugleich wächst der Konsolidierungsdruck in der Branche.
Neue Regeln für Betriebsprüfungen erhöhen den Druck auf Unternehmen, ihre Steuerprozesse zu digitalisieren
. Verschärfte Mitwirkungspflichten verpflichten Firmen, Unterlagen innerhalb kurzer Fristen digital vorzulegen. Bei Verzögerungen drohen hohe Strafzahlungen bis in Millionenhöhe. Digitale Buchhaltung und Tax-Compliance-Systeme werden damit zur zentralen Voraussetzung für rechtssichere Prüfungen.
Der chinesische Elektrofahrzeughersteller XPeng beginnt die landesweiten Testfahrten seines autonomen Fahrsystems VLA der zweiten Generation. Dieser Schritt gilt als entscheidend für den technologischen Sprung des Unternehmens. Volkswagen wird der erste externe Kunde sein, der XPengs VLA-2.0-Technologie übernimmt.
Nissan plant eine Kooperation mit Uber
im Bereich autonomes Fahren. Der Autobauer will künftig selbstfahrende Fahrzeuge, voraussichtlich auf Basis des Elektroautos Leaf, für fahrerlose Ride-Hailing-Dienste bereitstellen. Parallel arbeitet Nissan mit dem KI-Startup Wayve an autonomen Systemen.
BYD hat eine neue Generation seiner Blade-Batterie vorgestellt, die Reichweite und Ladezeit von Elektroautos deutlich verbessern soll. Fahrzeuge mit der Batterie erreichen laut Hersteller bis zu rund 900 Kilometer Reichweite nach WLTP. Eine neue „Flash-Charging“-Technologie ermöglicht eine Aufladung von 10 auf 70 Prozent in etwa fünf Minuten.
Uber prüft ein neues Geschäftsmodell für Fahrer: Statt einer Provision pro Fahrt könnten sie künftig eine feste monatliche Gebühr zahlen und dafür den Großteil der Einnahmen behalten. Eine Stellenausschreibung deutet darauf hin, dass der Konzern solche Abonnements weltweit testen will. Denn der Wettbewerb durch Anbieter mit Flatrate-Modellen für Fahrer wächst.
Vor einigen Jahre ging dieses Bild als Meme durchs Netz: „Insert Brilliance“ auf Tastendruck, „Extend Deadline“ als Menübefehl – schön wär’s. Noch vor Aufkommen von KI war das natürlich eine Fälschung. Screenshot: Marcus Schwarze