Der Aufruf von 200 Ökonomen zur KI-Revolution mag vage klingen. Seine Dringlichkeit ist es nicht.
Den vier Sätzen, auf die sich 200 Ökonomen und 16 Nobelpreisträger geeinigt haben, lässt sich ihre Unverbindlichkeit vorwerfen. Angebracht ist der Vorwurf nicht. Denn die Warnung trifft den Kern eines Problems, das die Wirtschaftspolitik bisher verdrängt: Künstliche Intelligenz ist keine gewöhnliche Basistechnologie. Dampfmaschine, Elektrizität und Computer ließen den Gesellschaften Jahrzehnte Zeit, um Institutionen, Bildungssysteme und Arbeitsmärkte anzupassen. KI durchläuft dieselbe Entwicklung in Jahren, und sie ist die erste Technologie, die sich selbst verbessert. Modelle schreiben heute den Code, aus dem die nächste Modellgeneration entsteht. Wer hier einen einmaligen Produktivitätssprung erwartet, wie ihn zum Beispiel die Tabellenkalkulation brachte, unterschätzt die
Dynamik: Es geht um eine Technologie mit eingebauter Beschleunigung.
Holger Schmidt
Verantwortlicher Redakteur für Newsletter und Verticals.
Zudem steigert KI nicht nur die Effizienz bestehender Prozesse, sondern sie verändert parallel auch Geschäftsmodelle und Innovationstempo. Wenn Software sich selbst entwickelt, Forschung sich automatisieren lässt und Dienstleistungen ohne Grenzkosten skalieren, verschieben sich die Fundamente ganzer Branchen. Denn die nächsten KI-Giganten verkaufen keine Software, mit der Menschen arbeiten. Sie werden die Arbeit selbst verkaufen. Genau darin liegt die Verteilungsfrage, die der Aufruf nur andeutet: KI hat das Potential, Wertschöpfung in historischem Ausmaß von der Arbeit zum Kapital zu verlagern. Die Gewinne fallen dort an, wo Rechenzentren, Modelle und Daten liegen. Es könnte wenige große Gewinner geben – und viele Verlierer.
Für Deutschland und weite Teile Europas kommt eine Verwundbarkeit hinzu, die in der amerikanischen Debatte kaum vorkommt: Die Sozialsysteme sind auf menschlicher Arbeit gebaut. Rente, Kranken- und Pflegeversicherung finanzieren sich aus Löhnen. Übernimmt die KI einen wachsenden Teil dieser Arbeit, während die Erträge beim Kapital anfallen, gerät die Finanzierungsbasis des Sozialstaats unter Druck. Über eine Antwort auf diese Frage hat die deutsche Politik noch nicht einmal zu diskutieren begonnen.
Wie schnell all das eintritt, weiß niemand – auch die Unterzeichner nicht, und sie sagen es offen. Aber Ungewissheit ist kein Argument fürs Abwarten. Sie ist eines für die Vorbereitung. „Wenn KI etwas Ähnliches bewirkt wie einst die Roboter im verarbeitenden Gewerbe, nur in einem deutlich kürzeren Zeitraum, wäre das hochgradig disruptiv und würde die Existenzgrundlagen der Menschen empfindlich treffen“, sagt Nobelpreisträger Daron Acemoğlu, der bisher eher durch KI-Skepsis aufgefallen ist. Wenn nun selbst die KI-Zweifler zur Eile mahnen, sollte die Politik nicht auf Gewissheit warten. Die kommt erst, wenn es zu spät ist.
Viel Spaß bei der Lektüre wünscht
Holger Schmidt
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Das Münchner Rüstungsunternehmen Helsing hat in seiner jüngsten Finanzierungsrunde 1,8 Milliarden Dollar eingesammelt. Das ist die größte Finanzierung für ein deutsches Start-up aller Zeiten und katapultiert die Bewertung des 2021 gegründeten Unternehmens auf 18 Milliarden Dollar. An der Runde beteiligten sich neben einem kanadischen Pensionsfonds auch die US-Banken JP Morgan Chase und Goldman Sachs Alternatives. Einen Tag nach der Bekanntgabe kündigte Helsing an, seine erste US-Fabrik in West Virginia zu eröffnen, die ab Vollbetrieb 2000 HX-2-Drohnen pro Monat fertigen soll.
„Mit der Finanzierung setzt Helsing einen starken Akzent im europäischen Start-up-Kontext. Dies macht eines klar: Es gibt (auch internationales) Kapital für europäische Start-ups. Erst vor ein paar Tagen hatte Quantum 1,2 Milliarden Dollar eingesammelt. Das sind gute Nachrichten. Gerne mehr davon.“
Johannes Winkelhage, Redakteur für Newsletter und Verticals.
Deutsches KI-Modell Soofi geht an den Start
Ein Konsortium aus KI-Bundesverband, den Fraunhofer-Instituten IAIS und IIS und Universitäten wie der TU Darmstadt hat das offene KI-Modell Soofi entwickelt, das Bestwerte bei deutschen Daten erreicht. Ziel des Projekts ist der Aufbau einer offenen europäischen KI-Modellfamilie, die auf souveräner Infrastruktur betrieben werden kann und für Anwendungen in Industrie und Verwaltung gedacht ist.
Soofi
„Soofi reicht weder an die besten chinesischen Modelle und schon gar nicht an die Frontier-Modelle von Open AI oder Anthropic heran. Aber wer souveräne KI-Anwendungen in Deutschland bauen will, hat nun eine brauchbare Option. Nicht mehr, nicht weniger."
Holger Schmidt, Verantwortlicher Redakteur für Newsletter und Verticals.
Europas Banken müssen sich vor KI-Cyberangriffen schützen
Die Europäische Zentralbank fordert die 110 Großbanken der Eurozone auf, bis Ende Oktober Pläne zur Stärkung ihrer Cyberabwehr gegen KI-gestützte Angriffe vorzulegen. Neue KI-Modelle wie Anthropics Mythos, das besonders gut Schwachstellen in Computersystemen erkennt, verkürzen die Zeit, die Banken bleibt, um Software-Lücken zu schließen. Der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) stuft systemische Cyberrisiken durch KI-Modelle inzwischen als „schwerwiegend“ ein. Die Behörde warnt vor verkürzten Reaktionszeiten und dem Risiko gleichzeitiger Vorfälle in der gesamten Finanzbranche.
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main dpa
„Während KI-Modelle wie Mythos Schwachstellen automatisiert und in kürzester Zeit finden, dauert es aufgrund regulatorischer und operativer Hürden deutlich länger, bis Banken ihre Systeme absichern können. Angreifer haben in diesem Katz-und-Maus-Spiel einen klaren Vorteil.“
Nina Müller, Redakteurin für Newsletter und Verticals.
New York beschließt Baustopp für große Rechenzentren
Als erster US-Bundesstaat verhängt New York ein einjähriges Moratorium für den Bau großer Rechenzentren mit einem Stromverbrauch von mindestens 50 Megawatt. Gouverneurin Kathy Hochul begründet den Schritt mit steigenden Stromkosten, überlasteten Energienetzen und der Belastung für lokale Gemeinden. Während des Moratoriums soll die Umweltbehörde einheitliche Standards für künftige Rechenzentren entwickeln und deren Umweltauswirkungen prüfen. Hochul kündigte zudem an, Steuerbefreiungen für große Rechenzentren abzuschaffen.
Die New Yorker Gouverneurin Kathy Hochul Picture Alliance
„Die KI-Industrie baut schneller, als Genehmigungsverfahren greifen können. Anwohner klagen über steigende Stromrechnungen, Wasserknappheit und Luftverschmutzung. New Yorks Baustopp ist der erste Versuch, dieses Tempo zu durchbrechen und einheitliche Umweltstandards zu entwickeln.“
Nina Müller, Redakteurin für Newsletter und Verticals.
Artikel der Woche
Spätestens im kommenden Jahr soll Open AIs potentieller Smartphone-Nachfolger auf den Markt kommen. Reuters
Der Kampf um das Gerät nach dem iPhone
Von Johannes Winkelhage
Apple wirft Open AI systematischen Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen vor. Im Zentrum steht ein verprellter Apple-Manager, der für den KI-Konzern das erste Gerät entwickelt.
Open AI arbeitet am Gerät für die Zeit nach dem Smartphone. Dafür hat der ChatGPT-Entwickler im vergangenen Jahr für rund 6,5 Milliarden Dollar das Designstudio des früheren Apple-Chefdesigners Jony Ive übernommen und inzwischen mehr als 400 frühere Apple-Beschäftigte abgeworben. Entstehen soll eine ganze Gerätefamilie, an deren Ende ein iPhone-Konkurrent für das KI-Zeitalter stehen soll, der spätestens im kommenden Jahr auf den Markt kommen soll.
Seit dem vergangenen Freitag ist aus dem Wettlauf ein Rechtsstreit geworden. Vor einem Bundesgericht in Nordkalifornien verklagt Apple Open AI, Ives Designstudio und zwei frühere Mitarbeiter wegen des Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen. Der Konzern verlangt Schadenersatz, Unterlassung und die Vernichtung entwendeter Unterlagen. Open AIs Hardwaregeschäft ruhe „auf dem wackligsten aller Fundamente“, heißt es in der Klageschrift.
Ein Muster des Wissenstransfers
Hauptbeschuldigter ist Tang Yew Tan, heute Hardwarechef von Open AI. 24 Jahre lang arbeitete der in Malaysia geborene Ingenieur für Apple und galt lange als der kommende starke Mann in Cupertino. Doch 2021 unterlag er dem künftigen Apple-Chef John Ternus im Rennen um die Führung der Hardwaresparte. Ende 2023 kündigte Tan, im Februar 2024 schied er aus. Der Klageschrift zufolge arbeitete er da längst mit Ive und Open-AI-Chef Sam Altman am Konkurrenzprojekt und schickte Informationen über Apple-Zulieferer an seine private E-Mail-Adresse.
2024 gründete er mit Ive das Studio io und führt seit der Übernahme Open AIs Geräteentwicklung. Sehr zum Ärger von Apple mit einem Team, das überwiegend aus früheren Mitgliedern der iPhone-Designgruppe besteht, die Apple teilweise neu aufbauen musste. Mit Halteprämien von 200.000 bis 400.000 Dollar stemmt sich der Konzern gegen Offerten von Open AI, die eine Million Dollar im Jahr erreichen sollen.
Die Klageschrift beschreibt ein Muster des mit dem Wechsel verbundenen Wissenstransfers. In Bewerbungsgesprächen fragte Tan hartnäckig nach dem Stand unveröffentlichter Produkte und forderte Kandidaten auf, „echte Teile“ mitzubringen, darunter Batterien, Platinen und Gehäuse. Ein internes Papier über Apples Sicherheitsprozeduren bei Kündigungen soll er als Checkliste an die Bewerber verteilt haben, verbunden mit dem Rat, den künftigen Arbeitgeber zu verschweigen und beim Abschiedsgespräch nichts zu unterschreiben. Ein Bewerber habe wenige Stunden vor dem Gespräch mit Tan begonnen, Screenshots anzufertigen und Dateien zu einem streng vertraulichen Apple-Projekt herunterzuladen. Im Gespräch habe Tan dann mehr Informationen zu genau diesem Projekt abgefragt.
Eskalation eines Machtkampfs
Ob Apple vor Gericht durchdringt, ist offen. Kalifornien erklärt nachvertragliche Wettbewerbsverbote für nichtig, Abwerben ist legal, und Wissen im Kopf gilt nicht als Diebstahl. Deshalb stützt sich die Klage auf dokumentierte Handlungen: heruntergeladene Dateien, mitgebrachte Bauteile, das weitergereichte Sicherheitspapier oder ein Dienstlaptop, den ein mit verklagter Ingenieur behalten haben soll. Für Open AI wirkt das Verfahren schon vor einem Urteil. Wer von Apple wechseln will, muss mit Überprüfungen rechnen, was die Rekrutierung bremst. Asiens Auftragsfertiger könnten zögern, für Open AI ihr weit größeres Apple-Geschäft zu riskieren. Im äußersten Fall droht ein Redesign des Geräts, wie es das Chip-Start-up Rivos nach einem Vergleich mit Apple hinnehmen musste.
Der Fall markiert die Eskalation eines Machtkampfs, der die Konkurrenz im Feld der Künstlichen Intelligenz von der reinen Softwareebene auf Endgeräte verlagert. Open AI will mit Ive ein neues Gerät jenseits des Smartphones etablieren. Denkbar sind ein Smart Speaker mit Gesichtserkennung oder eine smarte Brille. Apple gilt im KI-Rennen als spät dran, ersetzte Open AI bei der überarbeiteten Siri mit Googles Gemini und wird von Open AI und weiteren Start-ups wie Hark (gegründet von Figure-AI-Chef Brett Adcock) unter Druck gesetzt. Die Klage lässt sich als Versuch lesen, einen aufstrebenden Rivalen zu bremsen, bevor er das Consumer-Tech-Feld neu ordnet.
ChatGPT 5.6 von Open AI ist seit dem 9. Juli verfügbar und zielt vor allem auf die Büroarbeit. Das Modell verarbeitet Vorlagen, Folienmaster und Finanzmodelle deutlich zuverlässiger und erzielt im Benchmark AA-Briefcase den höchsten Präsentations-Elo aller Modelle. Mehrstufige Aufgaben wie Recherchen über viele Quellen erledigt es eigenständig ohne Zwischenanweisungen. In der analytischen Bewertung liegt jedoch Anthropics Claude Fable 5 mit 1764 zu 1592 Elo-Punkten vorn. Open AI liefert drei Modellvarianten aus: Sol für höchste Qualität, Terra als Alltagsmodell und Luna für hohe Stückzahlen.
Zehn Prozent der Menschen weltweit lassen sich bereits wöchentlich von einem KI-Chatbot über die Nachrichtenlage informieren. Wer die Dienste aber mit Standardeinstellungen nutzt, erhält Beliebiges aus beliebigen Quellen, denn 67 Prozent der hochwertigen Nachrichtenseiten sperren KI-Crawler aus, während minderwertige Seiten und Propagandanetzwerke ihre Inhalte offen anbieten. Die Lösung sind zwei Listen: Eine Whitelist legt fest, welche Quellen die KI ausschließlich verwenden darf, eine Blacklist verbietet dubiose Quellentypen. Ein täglicher Auftrag mit festen Regeln für Aktualität und Relevanz macht daraus ein verlässliches Morgenbriefing.
Mehr als 200 Ökonomen und KI-Forscher, darunter 16 Nobelpreisträger, haben unter dem Titel „We Must Act Now“ eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Sie warnen vor einer Wirtschaftstransformation durch Künstliche Intelligenz, die größer sein könnte als die Industrielle Revolution, aber in deutlich kürzerer Zeit. Organisiert wurde der Aufruf vom Digital Economy Lab der Universität Stanford um Erik Brynjolfsson. Bemerkenswert ist, dass sowohl KI-Optimisten als auch prominente Skeptiker wie Nobelpreisträger Daron Acemoğlu unterzeichnet haben. Die Erklärung enthält bewusst keine konkreten Politikvorschläge, sondern ist ein kollektives Eingeständnis, dass die Ökonomie die Folgen der Technologie noch nicht versteht. Damit ist die Frage nach den wirtschaftlichen Auswirkungen der KI vom
Spezialthema zur Chefsache der Profession geworden.
Daron Acemoğlu, Massachusetts Institute of Technology Picture Alliance
Mihály Gündisch, Deutschland-Chef der Legal-Tech-Plattform Harvey, sieht KI nicht als Werkzeug, sondern als Infrastruktur für die juristische Arbeit. Auf der Plattform liefen bereits mehr als 25.000 kundenspezifische Agenten, die künftig Aufgaben eigenständig untereinander delegieren sollen. Harvey plane eigene Sprachmodelle für mehr Kontrolle und geringere Kosten, prüfe dabei auch Open-Source-Optionen. Gegenüber Wettbewerbern wie Anthropic und Open AI differenziere sich Harvey durch Enterprise-Sicherheit, eigene Wissensquellen und persönliche juristische Betreuung. Die agentische Welle ermögliche Kanzleien neue Geschäftsmodelle jenseits der abrechenbaren Stunde. Juristisches Urteilsvermögen bleibe entscheidend, doch Juristen ohne KI-Kompetenz würden künftig verdrängt.
Chinesische KI-Anbieter gewinnen weltweit Marktanteile, vor allem in Schwellenländern. Die von Bytedance entwickelte App Dola wurde bis Ende April 144 Millionen Mal heruntergeladen und ist damit Chinas erfolgreichster KI-Export. Für alltägliche Aufgaben reichen günstige Modelle aus, die kostenlos und mit aggressivem Marketing angeboten werden. Auch Unternehmen setzen zunehmend auf chinesische Open-Weights-Modelle, die 60 bis 90 Prozent günstiger sein können als Angebote von Anthropic und Open AI. Der Anteil chinesischer Modelle auf der Entwicklerplattform Open Router liegt seit Februar konstant über 30 Prozent. Europäische Alternativen wie Mistrals App Vibe spielen global bislang kaum eine Rolle.
Der deutsche Handel wiegt sich in falscher Sicherheit, weil der von KI-Plattformen weitergeleitete Traffic unter einem Prozent liegt. Diese Kennzahl erfasst jedoch nicht, wie viele Kaufentscheidungen bereits ohne Klick auf Händlerseiten fallen. Der organische Traffic im Handel ist laut einer Untersuchung um zwölf Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig bauen Visa, Mastercard und große Technologiekonzerne in den USA die Infrastruktur für Agentic Commerce auf, bei dem Software eigenständig Einkäufe ausführt. Händler müssen laut Autor Stefan Wenzel künftig „Machine Equity“ aufbauen, also maschinenlesbare Signale liefern, damit KI-Agenten sie überhaupt berücksichtigen. Deutschland drohe andernfalls in eine zweite Digitalisierungsfalle zu steuern.
3D-Drucker sind billig und zuverlässig geworden. Aber produzieren doch meist Plunder aus dem Netz. Der Grund: Das eigentliche Versprechen, sich passgenaue Teile selbst zu machen, scheiterte am Entwerfen. Designprogramme zu beherrschen, kostet Wochen Übung. Neue KI-Modelle heben diese Hürde. Man beschreibt ein Objekt im Fließtext, die KI steuert das Programm und liefert eine druckfertige Datei. Im Selbstversuch entstand so das Ersatzteil für ein drei Jahre totes Rollo, dessen Hersteller längst verschwunden war. Ein Gegenmittel zur geplanten Obsoleszenz und eine neue Antwort auf die Frage, wem unsere Dinge gehören.
Industrielle Daten sind nicht alle gleich wertvoll und erfordern je nach Relevanz und Nutzungsform unterschiedliche Strategien. Am Beispiel Airbus zeigen Boris Otto und Catherine Jestin drei Kategorien: private Datengüter wie Flugzeugdesign und geistiges Eigentum, die nie geteilt werden, gemeinsam genutzte „Club Goods“ im Zuliefernetzwerk über den Datenraum Decade-X sowie von Fluggesellschaften bereitgestellte Betriebsdaten zur Produktoptimierung. Europas industrielle Wettbewerbsfähigkeit hängt davon ab, diese Datenökonomie zu verstehen und kollaborative Governance-Modelle für den vertrauenswürdigen Datenaustausch zu etablieren.
Sambanova, ein kalifornischer Chipentwickler für KI-Inferenz, hat eine Milliarde Dollar eingesammelt und wird nun mit elf Milliarden Dollar bewertet. Noch im Dezember hatte Intel das Unternehmen laut Bloomberg für rund 1,6 Milliarden Dollar übernehmen wollen. Die Investoren, angeführt von General Atlantic, setzen darauf, dass Nvidia im wachsenden Inferenzmarkt angreifbar ist. Unabhängige Benchmarks bestätigen Sambanovas Leistungsversprechen allerdings nur teilweise, und das Unternehmen hat bislang keine Umsatzzahlen veröffentlicht. Zudem finanzieren mehrere Investoren gleichzeitig den Großkunden VC2 und die Chipfirma selbst. Ob sich die Wette auszahlt, dürfte sich 2027 zeigen, wenn ein möglicher Börsengang testierte Zahlen erzwingen würde.
Masayoshi Son, Vorstandsvorsitzender und CEO von SoftBank Bloomberg
Drei unbequeme Befunde aus der aktuellen KI-Forschung. KI schafft Arbeitsplätze, aber nur dort, wo Unternehmen sie ernsthaft und organisatorisch verankert einsetzen. Der Unterschied ist messbar: Intensive Nutzer vergrößern ihre Belegschaft um über zehn Prozent, Gelegenheitsnutzer zeigen keinen Effekt. Kontextdateien für Coding-Agenten wie AGENTS.md sind in der automatisch generierten Variante Geldverschwendung: Sie erhöhen die Kosten um 20 Prozent, verbessern die Ergebnisse aber nicht. Handgeschriebene Dateien helfen minimal, aber nur mit wirklich internem Wissen. Und KI-Assistenten mit Gedächtnis erkennen nicht, wann ihre Erinnerungen veraltet sind.
Der Chef von Palo Alto Networks hat bei CNBC eine Zahl in den Markt gestellt: Die Tokenpreise für Unternehmens-KI müssten binnen zwölf Monaten auf ein Fünftel bis ein Achtel fallen, im Jahr darauf auf ein Zehntel. Zur selben Zeit deckelt Uber die Ausgaben seiner Entwickler für KI-Programmierwerkzeuge auf 1500 Dollar im Monat, nachdem das Jahresbudget dafür schon im April erschöpft war. Laut KPMG fällt es einem Drittel der Führungskräfte schwer, die eigenen KI-Kosten zu durchschauen. Hinter der 90-Prozent-Forderung stehen ein Tokenmarkt, der in zwei Preiszonen zerfällt, eine allein für dieses Jahr auf rund 750 Milliarden Dollar veranschlagte Investitionswelle und Anbieter, die ihre Marge von der Modellschicht in Produkte und Verträge verlagern. Die Rechnungen steigen, obwohl die
Stückpreise fallen; München und Peking spielen dabei eine Rolle.
Washington kann den KI-Fortschritt bremsen, aber nicht steuern. Mit einem Exportstopp zwang die Trump-Regierung Anthropic, sein neues Fable-Modell komplett offline zu nehmen. Der Hebel war stark, das Ergebnis aber eher mager. Die Zugeständnisse gehen kaum über Anthropics bisherige Praxis hinaus. Der Grund liegt im Abbau eigener regulatorischer Kapazität, aber auch einem Mangel an Interesse. Auch vom Kongress ist vor den Wahlen im November nichts zu erwarten. So bleibt die Initiative bei den KI-Laboren, die sich am Ende wohl selbst regulieren. Gebilligt von einer Regierung ohne eigene Vision.
• Meta plant nach einem internen Memo von September an, einen eigenen KI-Chip mit dem Codenamen „Iris“ produzieren zu lassen. Der Chip soll die großen Mengen an Grafikprozessoren von Nvidia und AMD ergänzen, die das Unternehmen derzeit für KI-Anwendungen nutzt. Meta arbeitet mit Broadcom beim Design und mit TSMC bei der Fertigung zusammen.
• Europäische Start-ups haben im zweiten Quartal 24 Milliarden Dollar eingesammelt, womit es zum stärksten Quartal seit vier Jahren wird, zeigen Crunchbase-Daten. Das Wachstum wurde vor allem von Großfinanzierungen ab 100 Millionen Dollar getragen, wobei 42 Unternehmen 65 Prozent der Gesamtsumme auf sich vereinten. Großbritannien überholte Deutschland und Frankreich deutlich. Auffallend sind die vielen Großrunden im Deep-Tech-Bereich von KI-Laboren über Quantencomputing und Robotik bis hin zu Halbleitern und Raumfahrt.
• Stripe und der Finanzinvestor Advent wollen Paypal gemeinsam übernehmen. Die Offerte über 60,50 Dollar je Aktie bewertet den Bezahldienst mit mehr als 53 Milliarden Dollar, ein Aufschlag von 28 Prozent. Banken haben rund 50 Milliarden Dollar Finanzierung zugesagt. Paypal, dessen Börsenwert seit dem Hoch von 2021 massiv gefallen ist, hat auf das Angebot bislang nicht reagiert.
• Das
Pariser KI-Unternehmen Mistral AI hat sein erstes Robotikmodell für die Anwendung in Fabriken, Lagerhäusern und der industriellen Automatisierung vorgestellt. „Robostral Navigate“ soll Roboter mit nur einer einzigen Kamera manövrieren, ohne Lidar, fortgeschrittene Sensoren oder mehrere Kamerasetups. Der Schritt folgt auf die Übernahme des österreichischen Unternehmens Emmi AI durch Mistral im Mai.
• Anthropic verlängert den kostenlosen Zugang zu Claude Fable 5
für Abonnenten erneut bis zum 19. Juli 2026. Die Verlängerung erfolgt wohl als Reaktion auf wachsenden Preisdruck: Open AIs GPT-5.6 Sol ist in Standard-ChatGPT-Abonnements enthalten, über die API günstiger und gilt als Token-effizienter.
„Die große Innovation, dass Modellanbieter das Recht auf faire Nutzung haben, um Modelle anhand öffentlicher Daten zu trainieren, ist durchaus notwendig. Doch finde ich es ironisch, im Gegenzug restriktive Bedingungen für die Destillation aufzuerlegen und sich das Recht vorzubehalten, aus den Nutzungs- und Interaktionsdaten der Kunden zu lernen.“