eine neue Studie hat untersucht, welchen Stellenwert Bücher im Alltag der Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben. Dafür wurden in Onlinebefragungen knapp 6500 Erwachsene interviewt. Die wichtigste Erkenntnis, die mein Kollege Andreas Platthaus eingehend untersucht hat, lautet: Nicht die Menge des Lesens trennt die Gesellschaft, sondern die Frage, ob überhaupt gelesen wird.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
In einer typischen Woche lesen demnach 23 Prozent der Befragten in ihrer Freizeit kein Buch. Die größte Gruppe liest gelegentlich. 38 Prozent kommen auf ein bis zwei Stunden pro Woche. Nur vier Prozent lesen dagegen mindestens elf Stunden wöchentlich. Das Publikum ist also gespalten. Die meisten lesen wenig, ein beträchtlicher Teil gar nicht, und nur eine kleine Minderheit liest sehr intensiv. Von einem Niedergang des Lesens kann deshalb so wenig die Rede sein wie von vollständiger Entwarnung.
Die schärfste Trennlinie verläuft entlang der Bildung. Unter Akademikern lesen in einer typischen Woche nur sieben Prozent kein Buch, 13 Prozent dagegen sehr viel. In der Gruppe mit niedriger Bildung liegt der Anteil der Nichtleser bei rund 18 Prozent, während nur etwa acht Prozent viel lesen.
Auch das Geschlecht markiert eine Grenze. 29 Prozent der Männer lesen in einer typischen Woche kein Buch, bei den Frauen sind es lediglich 17 Prozent. Frauen lesen regelmäßiger und greifen häufiger zu belletristischen Titeln. Warum insbesondere junge Männer so selten lesen, untersucht Julian Siehler, Doktorand am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Mannheim, in seinem Artikel „Sind Männer zu blöd zum Lesen?“.
Der Autor bezieht sich unter anderem auf Andrew Tate, einen prägenden Akteur der frauenfeindlichen Manosphere, der behauptet, Männer sollten am besten gar keine Bücher lesen, sondern lieber in den Boxring steigen. Siehler verbindet die Krise der Männlichkeit mit der Krise des männlichen Lesens – und fragt zugleich, ob mehr Lektüre Männern helfen könnte, sich von autoritären Männlichkeitsbildern zu lösen.
Viele Männer finden ihm zufolge aber zu wenige Identifikationsmöglichkeiten in der Literatur, weil der Betrieb und Plattformen wie Booktok stark von Frauen dominiert seien. Zahlreiche Romane stammten nicht nur von Autorinnen, sondern erzählten auch aus der Perspektive weiblicher Hauptfiguren. Männliche Themen, Lebenswelten und Vorbilder würden dadurch in den Hintergrund rücken. In diese Lücke stoßen wiederum Videos, die Männer erziehen und ihnen feministische Literatur nahebringen wollen.
Die Studie „Das gelesene Buch“ macht noch weitere Entdeckungen. Etwa, dass die Jüngeren keineswegs am seltensten lesen. Bei den Befragten zwischen 18 bis 29 Jahren liegt der Anteil der Nichtleser mit 17 Prozent sogar niedriger als beim gesamten Rest. Auch im Geschmack unterscheiden sie sich. Mehr als alle anderen lesen die Jungen Liebesromane, New Adult und Fantasy sowie Science-Fiction und Comics.
Und auch die Vorstellung, dass die junge Generation das gedruckte Buch weitgehend aufgegeben hat, wird widerlegt. Mehr als zwei Drittel lesen häufig gedruckte Bücher. Zwar nutzen sie auch E-Books und Hörbücher, doch ersetzen sie damit das Papierbuch nicht. Und wer schon als Kind vorgelesen bekam, hat höhere Chancen, auch im Erwachsenenalter zu lesen, als diejenigen, denen nie vorgelesen wurde.
Krimis und Thriller sind bei allen Leserinnen und Lesern das beliebteste Genre. Erst dahinter treten Unterschiede hervor. Menschen mit hoher Bildung lesen häufiger Klassiker, belletristische Neuerscheinungen, Biographien und Sachbücher. Frauen bevorzugen Liebesromane, New Adult und aktuelle Literatur; Männer greifen lieber zu Science-Fiction sowie zu politischen und historischen Sachbüchern.
Interessant ist, dass sich nur in fünf Prozent der Haushalte keine Bücher finden und selbst 71 Prozent der Nichtleser Bücher besitzen. Das Buch verschwindet also nicht. Es bleibt, selbst dort, wo es nicht mehr regelmäßig aufgeschlagen wird. Haben Sie heute schon zu einem gegriffen? Vielleicht ist jetzt die beste Gelegenheit dazu.
Eine repräsentative Studie hat Leseverhalten und Geschmackspräferenzen bei Büchern im deutschsprachigen Raum untersucht. Vom befürchteten Leserschwund ist wenig zu sehen. Aber es stellen sich interessante politische Fragen.
Caroline Wahl hat über 2,5 Millionen Bücher verkauft. Ihr neuer Roman „1999 Meter über dem Meer“ ist der Inbegriff des „Midcult“ – oder vielleicht dessen Parodie?
Zehntausende haben entschieden, alles zurückzulassen, um unter Lebensgefahr zur spanischen Grenze zu schwimmen. Niemand kann so tun, als wüsste er nichts vom Schmerz eines Teils der marokkanischen Bevölkerung.
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Bernd Eilert, Franziska Becker, Christoph Niemann, Pit Knorr, Mehrdad Zaeri und Flix
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