Literatur
                                                           
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Freitag, 22.05.2026 | Zur Online-Ansicht
 
 Frankfurter Allgemeine
LITERATUR
Liebe Leserin, lieber Leser,
träumen auch Sie manchmal davon, dass das Internet einfach wieder verschwindet? Wie ein Schnupfen, der eines Morgens plötzlich weg ist? Oder dass die Digitalität wenigstens eine Pause einlegt, lang genug, um sich von der permanenten Erreichbarkeit zu erholen, von der Simultaneität der Ereignisse, die uns pausenlos überwältigt?
Autorenbild
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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Was würde das für Aussichten eröffnen, wenn wir nicht ständig auf unsere Screens starren würden? Wenn das WLAN tot wäre, kämen wir im Café womöglich mit Fremden ins Gespräch. Der Kellner brächte uns Kuchen, den wir einfach nur genießen würden, statt den Teller zu fotografieren und bei Insta reinzustellen.
Nachdem wir die Rechnung mit Bargeld bezahlt hätten und deshalb auch wüssten, was uns der Ausflug gekostet hat, statt es Apple Pay zu überlassen, würden wir zu Fuß nach Hause gehen, weil kein Navi und keine Uber-App uns irgendwohin lotsen würde. Kein blauer Punkt auf dem Bildschirm verriete uns, wo wir sind. Wir würden stattdessen analog und frei durch die Stadt flanieren,  uns an den dekorierten Schaufenstern erfreuen und an dem alten Baum an der Straßenecke, den wir schon vergessen hatten und der da immer noch steht.
Was passiert, wenn wir keinen Zugriff mehr aufs Digitale haben, ist im Film und in der Literatur schon vielfach durchgespielt worden, mal dystopisch, mal humoristisch. Die Netflix-Serie „Leave the World Behind“ etwa malt das Szenario in düsteren Farben aus. Selbstfahrende Autos geraten außer Kontrolle, Flugzeuge fallen vom Himmel, und die Zivilisation bricht zusammen, während Julia Roberts und Ethan Hawke in ihrem Airbnb auf Long Island festsitzen.
Catherine Price nähert sich dem Thema in ihrem Buch „How to Break Up with Your Phone“ nicht apokalyptisch, dafür mit einem 30-Tage-Plan. Die Wissenschaftsjournalistin gibt eine Anleitung, wie man sich schrittweise von seinem Smartphone entwöhnen kann, das uns wegen seiner Algorithmen, die auf Aufmerksamkeit und Dopaminausschüttung getrimmt sind, süchtig macht wie Drogen.
Auf gewitzt-philosophische Weise nähert sich dem Thema auch Ben Lerner. Spätestens seit seinem Roman „Die Topeka Schule“ über einen Debattierklub und die rhetorische Aufrüstung im Amerika der Neunzigerjahre gehört er zu den unterhaltsamsten und originellsten Schriftstellern der Gegenwart. Sein neuer Roman „Transkription“, bei Suhrkamp in der Übersetzung von Nikolaus Stingl erschienen, ist ein schmales Buch, gerade einmal 160 Seiten lang.
Es handelt von einem Ich-Erzähler, der zu einem Interview mit seinem ehemaligen Mentor, einem neunzigjährigen Intellektuellen, fährt, der gewisse Ähnlichkeit mit dem jüngst verstorbenen Filmemacher und Autor Alexander Kluge hat. Doch kurz vor dem Gespräch fällt sein Telefon ins Waschbecken und geht kaputt. Nun steht er ohne Aufnahmegerät da und kann es nicht zugeben.
Was aus dieser Erzählung über ein Interview ohne Mitschnitt wird, welche Themen sie aufgreift, von der digitalen Sucht über die Folgen der Pandemie bis zur Glaskunst im 19. Jahrhundert, ist poetisch und klug. Und sie stellt große Fragen über Improvisation, Rekonstruktion und Interpretation. Was bleibt von einem Gespräch, wenn niemand es aufzeichnet? Was ist Wahrheit? Was ist Erinnerung? Und wie steht das alles zueinander in Verbindung?
Auch dieser Text wurde in einen Computer getippt. Der Computer steht auf einem Schreibtisch vor dem Fenster. Draußen scheint die Sonne. Der Plan: ohne Smartphone das Haus verlassen. Den Roman von Ben Lerner mitnehmen und sich auf eine Parkbank setzen.
Mal sehen, wie lange ich das aushalte. Wie lange halten Sie es ohne Smartphone aus? Ich würde mich freuen, von Ihnen zu lesen. Schreiben Sie an: literatur-nl@faz.de.
Mit freundlichen Grüßen, gedanklich schon von der Parkbank
Ihre Sandra Kegel
 
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