Millionen sitzen während der Weltmeisterschaft vor den Bildschirmen, Zeitungen widmen dem Fußball etliche Sonderseiten – und plötzlich steht die Frage im Raum: Warum gibt es in Deutschland eigentlich keinen großen Fußballroman? Eigentlich gibt es das Genre Sportroman überhaupt nicht. Was schade ist. Und merkwürdig. Denn anhand des Sports lässt sich viel erzählen, wie andernorts exemplarisch vorgeführt wird. Die auf einem Theaterstück basierende Serie „Dear England“ zum Beispiel (in der ZDF-Mediathek) beschreibt das englische Fußball-Trauma seit 1966 als herrliche Tragikomödie um den Trainer Gareth Southgate (Joseph Fiennes).
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Bei der ARD steht die Fernsehdokumentation „WM 1994 – Elf Helden, ein Albtraum“ in der Mediathek, die erzählt, wie das damals war in Amerika mit Berti und Beckenbauer, Stefan Effenberg, Bodo Illgner und Matthias Sammer. Ein irres Theater, so viel sei verraten, und der beste Beleg dafür, dass Fußball schon immer mehr war als zweimal elf Leute, die über den Platz rennen.
Fußball ist die Sportart, die alles dominiert, jedenfalls hierzulande. Das kann man schade finden, wenn man lieber Hockey spielt, Tischtennis oder Badminton. Als Fußballnation definiert Deutschland seine Identität jedoch ganz überwiegend über diesen Sport, vom Wunder von Bern als Gründungsmythos bis zum Sommermärchen 2006. Trotzdem meidet die Literatur das Spielfeld aus unerfindlichen Gründen. Was es gibt, sind Sachbücher über Spieltaktik, Ghostwriter-Bekenntnisse und Autobiographien – unvergessen die von Oliver Kahn: „Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.“
Der Roman aber, der Fußball als menschliches Drama behandelt, als Spiegel der Gesellschaft und Ort, an dem Exzellenz und niederste Instinkte, Siege und Niederlagen aufeinanderprallen, der fehlt.
In Amerika, dem Austragungsort der diesjährigen Weltmeisterschaft, ist das anders. Dort hat die „sports novel“ Tradition. Don DeLillo lässt „Underworld“ mit einem Baseballspiel beginnen und hört nicht auf, den Sport als Metapher für Amerika zu denken. Philip Roth nennt seine Elegie um Baseball gar gleich „The Great American Novel“. Und David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“ spielt in einem Internat für Tennis-Wunderkinder. Wallace hat wie Richard Ford oder Chad Harbach erkannt, dass Sport keinen Gegensatz zur Literatur darstellt, sondern hervorragenden Stoff.
England, das Mutterland des Fußballs, hat immerhin Nick Hornby. Sein „Fever Pitch“ von 1992 ist eigentlich ein Memoir, aber mit der Dichte und dem Witz eines Romans. In Frankreich hat Jean Echenoz mit „Courir“ gezeigt, dass man über einen Langstreckenläufer ein Meisterstück der Lakonie verfassen kann. Warum also die deutsche Abstinenz? Natürlich, ein paar Titel fallen einem ein: „Brot und Spiele“ von Siegfried Lenz über den 10.000-Meter-Läufer Bert Buchner, Josef Haslingers Eishockey-Roman „Jáchymov“ oder Thomas Pletzingers Basketball-Chronik „Gentlemen, wir leben am Abgrund“. Peter Handke hat dem Tormann ein Denkmal gesetzt, aber „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ handelt dann doch nicht vom Fußball, sondern von Krise und Sprachlosigkeit.
Der Sportroman als Genre oder gar diagnostisches Gesellschaftsporträt hat sich bei uns nicht durchgesetzt. Hält man Sport für zu körperlich, zu populär oder zu laut? Am Stoff kann es jedenfalls nicht liegen. Die Geschichte des Fußballs steckt voller Romane von den Migrationsgeschichten der Spieler über die Brutalität des Leistungssports bis hin zur Melancholie der Niederlage oder der Soziologie der Fankurve. Gerade hat Deutschland den Schock des frühen Aus erlebt, da träumt es – mit Jürgen Klopp im Geiste – schon wieder kollektiv. Jetzt muss eigentlich nur noch ein Literat kommen und den Anstoß wagen.
Haben Sie einen Lieblingsroman aus der Welt des Sports? Verraten Sie uns den Titel und schreiben wie immer an: literatur-nl@faz.de. Einen herrlichen Sommer mit guten Büchern wünscht
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