am vergangenen Wochenende war ich auf der rechten Büchermesse „Seitenwechsel“, die die Buchhändlerin aus Loschwitz, Susanne Dagen, Sprecherin für Kultur und Tourismus der AfD
im Stadtrat von Dresden, in Halle an der Saale veranstaltet hat. Das Thema hat mich weiter beschäftigt, und ich habe mit einigen Menschen darüber gesprochen, unter anderem auch mit dem Sprecher der Frankfurter Buchmesse. Wie blickt man von dort auf die Messe in Halle?
Julia Encke
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Dagen hatte in einer Presseerklärung mitgeteilt, dass der Umgang mit „andersdenkenden Verlagen“ im Jahr 2017 auf der Frankfurter Buchmesse für sie zum Motor geworden sei, diese eigene Messe zu organisieren. Im Netz hatte sie als Reaktion auf Störaktionen am Stand des Antaios-Verlags damals eine „Charta 2017“ veröffentlicht, in der die Buchhändlerin vor einer „Gesinnungsdiktatur“ warnte (dass es auch von rechts zu gezielten Provokationen gekommen war, erwähnte sie nicht). Autoren wie Cora Stephan, Jörg Bernig und Uwe Tellkamp, Publizisten wie Matthias Matussek und Vera Lengsfeld hatten sie damals unterzeichnet. Sie alle traten am Wochenende auch in Halle auf den Bühnen und Podien auf, manche von ihnen gleich doppelt und gemeinsam mit AfD-Politiker Alexander Gauland.
Zu dem in Halle verbreiteten Narrativ, dass die hier vertretenen Verlage in Frankfurt nicht mehr erwünscht seien und man mit „Seitenwechsel“ deshalb eine eigene Messe organisiert habe, erklärt Torsten Casimir, Sprecher der Frankfurter Buchmesse, am Telefon nun, dass die Frankfurter Buchmesse ihre Haltung und ihre Praxis in der Frage, wie man mit Meinungs- und Äußerungsfreiheit und mit dem Recht auszustellen umgehe, „nicht verändert“ habe. „Wir waren damals und sind heute der Auffassung und setzen das auch durch, dass jeder Verlag, der bei uns ausstellen möchte und nicht gegen deutsches Recht verstößt, auch ausstellen kann.“ Vergleicht man die Ausstellerlisten von Frankfurt und Halle aus diesem Jahr, finden sich Aussteller wie der Ahriman-Verlag, der in Frankfurt und jetzt in Halle
dabei war. „Dass in Halle eine rechte Buchmesse stattfand, hat nichts mit Frankfurt und den Ereignissen von 2017 zu tun“, so Casimir. Damals sei es für die Frankfurter Buchmesse „um die Wiederherstellung von Sicherheit“ gegangen und nicht um eine politische Intervention.
In Halle von der Teilnahme explizit ausgeschlossen war der Sturmzeichen-Verlag des Neonazis Sascha Krolzig. Dessen zentrale Publikation trägt den programmatischen Titel „N.S. Heute“, auch Schriften der verstorbenen Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck wurden dort veröffentlicht. Die Messeleitung um Dagen erklärte, der Verlag habe „zu keiner Zeit eine Zulassung“ gehabt und sei „durch eine unzulässige Datenmanipulation“ ins Verzeichnis geraten. Krolzig veröffentlichte daraufhin einen Beitrag, in dem er dieser Darstellung widersprach und behauptete, „die Kündigung“ sei zwei Tage vor der Messe „per Mail“ erfolgt. Es habe geheißen, behauptete Krolzig, die „legitime Erwartung anderer Aussteller und Besucher auf eine politisch nicht extremistisch geprägte Austauschplattform“ würde durch die
„extremistischen“ Inhalte des Sturmzeichen-Verlags „beeinträchtigt“. Rechtsextremist Krolzig stellte dies als „absurd“ dar, da „nach einer oberflächlichen Durchsicht des Ausstellerverzeichnisses“ er nicht der Einzige sei, der „extremistisch“ sei. Womit er völlig recht hatte: Von der Identitären Bewegung bis hin zur Chemnitzer Firma SVM Sächsische Versand und Medien UG, die das Magazin „Aufgewacht!“ der rechtsextremen Kleinstpartei Freie Sachsen veröffentlicht, waren offiziell alle vertreten.
So ging es bei dem Ausschluss wahrscheinlich auch nicht um Extremismus. Krolzig, der mit dem Chefredakteur der in Halle ebenfalls präsenten „Jungen Freiheit“, Dieter Stein, zerstritten ist, hätte vermutlich das Wir-Gefühl gestört, das die Buchhändlerin Susanne Dagen so erfolgreich inszeniert: „Danke, Susi, du hast es geschafft, den ganzen Saftladen an einen Tisch zu kriegen“, sagte der Schriftsteller Uwe Tellkamp auf der Bühne zu seiner Freundin Susanne Dagen, bevor sie, zusammen mit dem Publikum, „Kein schöner Land“ anstimmten. Er meinte das affirmativ. Der „Saftladen“ ist genau sein Ding.
Tatsächlich konnte man in Halle dabei zusehen, wie hier die Teilnehmenden zu einer Volksfront von rechts verschmolzen und sich vernetzten. Wertkonservativ, rechts, rechtsextrem, offen verfassungsfeindlich – die Unterschiede spielten vordergründig keine Rolle mehr, weil man unter sich war. Wie Dagen in ihrer Eröffnungsansprache auf der Bühne der Messehalle suggerieren wollte, ihre Veranstaltung habe mit „rechts und links“ sowieso nichts zu tun („Wenn das Etikett ,rechts‘ nicht reicht, heißt es gleich ,rechtsextrem‘, das sind natürlich alles Zuschreibungen“), war deshalb einfach nur grotesk.
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