es war eines dieser Bücher, die ich einer Anregung folgend kaufe, stets in der festen Überzeugung, mich unverzüglich in sie zu versenken, und dann reifen sie doch erst einmal ungelesen im Bücherschrank nach. Diesmal kam die Anregung aus „Eine Arbeiterin“, Didier Eribons Buch über das, wie es im Untertitel heißt, „Leben, Alter und Sterben“ seiner Mutter, vor zwei Jahren in deutscher Übersetzung erschienen. Ich habe es gebannt gelesen, und ich war überrascht, wie ausgiebig und ertragreich Eribon immer wieder auf seine Lektüre eines Buchs zurückgreift, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte: „Das Alter“ von Simone de Beauvoir, im Original 1970 erschienen, angelegt, geschrieben, komponiert wie gut zwanzig Jahre zuvor ihr bahnbrechendes Buch „Das andere Geschlecht“. Ich besorgte mir
den gut fünfhundert Seiten starken Essay umgehend. Endlich komme ich dazu, ihn auch zu lesen.
Das Buch, das heute tief im Schatten von „La deuxième sexe“ steht, untersucht vor allem Bedingungen, unter denen alte Menschen leben, unter denen sie bis in die späten Sechzigerjahre gelebt haben, wie sie behandelt und gesehen wurden, was ihnen zugeschrieben und zugestanden wurde – konkret in Frankreich, zugleich mit weitem Blick darüber hinaus, von ethnologischen Berichten über damals sogenannte „Naturvölker“ über antike Quellen, literarische und künstlerische Zeugnisse zur Politik, Soziologie, Gerontopsychiatrie und Medizin des 20. Jahrhunderts.
„Das Alter“ ist keine einfache Lektüre, eine Herausforderung durch die Dichte des Texts, aber auch durch das Deprimierende des Dargestellten. Es ist eine nicht nur historisch ergreifende Lektüre, weil sich zwar die Lebensbedingungen alter Menschen verbessert haben, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung zugleich aber weiter gestiegen ist und wir auch heute noch eine politische und gesellschaftliche Hilflosigkeit im Umgang mit der Situation alter Menschen feststellen müssen. Wenn de Beauvoir konstatiert, in einer „idealen Gesellschaft“ würde „das Alter gewissermaßen gar nicht existieren: der Mensch würde, wie es bei manchen Privilegierten vorkommt, durch Alterserscheinungen unauffällig geschwächt, aber nicht offenkundig vermindert … er stürbe also, ohne vorher Herabwürdigung erfahren zu
haben“, kann man ihr auch aus heutiger Sicht nur zustimmen. Der Blick auf die Lebensumstände alter Menschen in Abhängigkeit von ihren finanziellen Möglichkeiten fordert uns auch heute heraus, genauso die Feststellung, dass sich eine Gesellschaft daran bemessen lassen muss, wie sie sich den Alten gegenüber verhält.
Vielleicht liegt es an den beschämenden Aspekten des Buchs, dass sich die F.A.Z. in ihrer großen Rezension vom 24. Juni 1972 spitzfingerig zeigte: Das Buch hatte Frankreich nach seiner Veröffentlichung zwei Jahre zuvor in Aufregung versetzt und war im Frühjahr auch in deutscher Übersetzung erschienen. Emmy Neddermann hatte am 18. April 1970 zur französischen Debatte noch über dieses „sehr lesenswerte Buch“ geschrieben, wie jedes der Bücher de Beauvoirs sei „auch dieses, über 600 Seiten starke Werk aktuell, geht sie selbst und unsere Zeit an“. Jetzt, gut 26 Monate später, stellte Margret Boveri es als „enzyklopädisches Pamphlet“ dar und nannte seine Verfasserin „eine Vierundsechzigjährige, für die eigene Person nicht gewillt, sich der unerbittlichen Gesetzmäßigkeit, die zu
untersuchen sie auszog, zu unterwerfen“.
Eine Herabwürdigung: Margret Boveri wendet – vorgeblich probehalber – den allgemeinen Vorwurf, studierende Frauen der Generation de Beauvoirs hätten sich zwar vielfach „mit unübertrefflichem Fleiß dem Zusammentragen von Forschungsergebnissen“ hingegeben, jedoch „in dieser Anstrengung die Kraft“ verloren, „das Gesammelte zu durchdringen, und dazu auch noch den Mut, ihren eigenen Verstand und ihr spezielles Ingenium kreativ einzusetzen“, auf die Verfasserin des „Alters“ an – und unterstellt dabei, so muss man die Rezensentin verstehen, de Beauvoir habe besagte Kraft letztlich aus Altersgründen nicht mehr aufbringen können.
Es ist immer eine Bereicherung, bei der Beschäftigung mit älteren Büchern einen Blick ins Archiv der F.A.Z. – das übrigens allen offensteht – werfen und sich darauf verlassen zu können, Rezensionen aus der Zeit ihrer Veröffentlichung zu finden. Auch wenn in Fällen wie diesem das Buch besser gealtert ist als seine Besprechung.
Am 14. April vor vierzig Jahren ist Simone de Beauvoir im Alter von 78 Jahren gestorben. Wir können auch heute noch viel von ihr lernen. Und, zum Glück, alles von ihr lesen.
Wir wünschen frohe Osterfeiertage und grüßen vielmals
Ihr Fridtjof Küchemann
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