Neustrelitz muss man sich abends sehr ruhig vorstellen. Besonders, wenn der Dauerregen sich in der Kälte nicht entscheiden will, ob er nicht doch lieber Schnee sein mag. In der Strelitzer Straße, die sich wie ein schmales Band vom Marktplatz durch die Stadt zieht, um dann als Strelitzer Chaussee kaum mehr enden zu wollen, brennt noch ein Licht. Fast scheint es, als habe sich das urbane Leben ganz in der Buchhandlung „Frau Rilke“ konzentriert. Hier wird an diesem Donnerstagabend Geburtstag gefeiert: derjenige des Buchladens, der vor zwei Jahren gegründet wurde, und der seiner Inhaberin, Kathrin Matern.
Von sich reden gemacht hat sie nicht zuletzt dadurch, dass sie regelmäßig Schriftsteller in die mecklenburgische Kleinstadt holt. Entsprechend werden auch die Geburtstage in Form einer Lesung begangen. Es liest Jehona Kicaj aus ihrem Debütroman „ë“. Die Gäste werden als Freunde der Buchhandlung angesprochen, eine von ihnen, Maria Carolina Foi, hat sich von Triest aus auf den Weg nach Mecklenburg gemacht! Zum Klassentreffen der Buchpreisjury 2025, die vollständig da ist, in bleibender Sympathie füreinander, nicht ganz üblich für die Insassen von Jurys.
Warum Lesungen? Schließlich gibt es ja Bücher. Schließlich geben die Lesungen immer nur Auszüge. Die können über den Charakter des ganzen Buchs leicht täuschen. Schließlich lässt sich ja den Rezensionen entnehmen, ob sich die Lektüre des Werks lohnt.
Die Art, in der Jehona Kicaj bei „Frau Rilke“ vorträgt, zerstreut jeden Zweifel an der Lesung als Form. Denn sie liest genau so, wie sie die Protagonistin ihres Romans schildert: in der Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist, eine Muttersprache, Albanisch, die sie kaum sprach, weil sie schon als kleines Kind vom Kosovo nach Niedersachsen migriert wurde. Zögernd also, in übergenau prononciertem Deutsch, die Worte aus dem Mund wie aus einem Gefängnis entlassend. Kicajs Buch handelt von Sprach- und Sprechschwierigkeiten sowie von den kindlich wie jugendlich erlittenen Herkunftsverlusten der Migrantin. Der rätselhafte Titel ihres Romans bezeichnet einen Buchstaben des albanischen Alphabets, der, wie das deutsche „e“, einer der am häufigsten verwendeten ist, am Ende eines Wortes stehend
jedoch nicht ausgesprochen wird, sondern nur dessen Betonung verändert. Es gibt in der Sprache viele Symbole für das, was Leerstellen in ihr bedeuten. Nicht nichts.
Drei Passagen aus ihrem Buch liest Kicaj, und wer es danach nicht lesen möchte, dem ist nicht zu helfen. Besser kann es auf einer Lesung nicht gehen. Wir danken der Autorin, der Buchhandlung, ihrer Inhaberin und dem Schneeregen von Neustrelitz, der es zusätzlich allen nahelegte, lieber drinnen als draußen zu sein.
Mit den besten Wünschen
Ihr Jürgen Kaube
P. S.: Das Literaturrätsel im Januar hat Michael Schüller aus Neuwied gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Ein neues Rätsel für diesen Monat finden Sie in diesem Newsletter. Im Rahmen unseres Projekts „Gemeinsam lesen“ finden Sie darüber hinaus unseren Bücherpodcast über Leïla Slimanis Roman „Trag das Feuer weiter“ und einen Artikel von Lena Bopp
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