Es ist die Stunde der Mittelmächte. Der türkische Autokrat Recep Tayyip Erdoğan nutzt die NATO zur Eigenwerbung, weil die NATO ihn braucht. Kanada kauft deutsche Unterseeboote auch aus dem Grund, ein neues transatlantisches Bündnis zu schmieden. Pakistan vermittelt zwischen den USA und Iran. Indien und Indonesien vereinbaren die Lieferung von Raketen und die Zusammenarbeit bei kritischen Mineralien. Schon Ende April 1997 veröffentlichten China und Russland eine gemeinsame „Erklärung über eine multipolare Welt und das Schaffen einer neuen internationalen Ordnung“. Rund ein Vierteljahrhundert später hat Donald Trump diesen Wunsch beschleunigt.
Die mittelgroßen Staaten, viele von ihnen Schwellen- und Entwicklungsländer, die heute unter dem irreführenden Begriff des „globalen Südens“ geeint erscheinen, obwohl sie in bitterer Aufstiegskonkurrenz agieren, wittern ihre Chance. Das Ringen zwischen Chinas Präsident Xi Jinping, der sich als Chefdiplomat einer neuen Weltordnung gibt, und Donald Trump, der Abrissbirne der westlichen Weltordnung, schafft Freiräume. Zudem bieten viele Mittelmächte, was die Großen vermissen: eine junge Bevölkerung, wachsende Märkte, billige Arbeitskraft, militärischen Einfluss und Rohstoffe.
Diese Multipolarisierung der Welt bedeutet das endgültige Zerschlagen der schon schmelzenden Weltordnung des Westens, zugleich aber eine Chance für Europa – vielleicht dessen einzige. Denn allein ist Europa trotz aller inhärenten Stärken seiner demokratischen Grundordnung, der Rechtssicherheit, des guten wissenschaftlichen Umfelds und seiner atmenden mittelständischen Wirtschaft nicht in der Lage, zur dritten großen Kraft auf der Weltbühne zu werden.
Potentielle Partner finden sich an seinen Rändern: in Mittelasien, in Südostasien, im arabischen Raum, in Lateinamerika und – ja, trotz aller Hürden – in Afrika. Wie bei jeder Partnerschaft heißt es, Schwächen des anderen zu tolerieren, soweit sie nicht den eigenen Werten widersprechen. Die Grenzen der Akzeptanz sind in der Not weiter gefasst und individuell zu verhandeln. Die Verhandlungsmacht der Mittelmächte war nie größer als heute. Leider wissen das auch Autokraten wie Erdoğan.
Natürlich arbeiten auch wir mit Künstlicher Intelligenz. Mit ihr behalten wir die Welt im Auge, sie kann Texte rasch übersetzen oder auf Rechtschreibfehler durchsehen, uns Vorschläge zur Verbesserung machen. Aber: Wir sind uns bei der gesamten F.A.Z. auch über die Risiken dieses Werkzeuges bewusst, über das Halluzinieren, unsichere Quellen und den Diebstahl geistigen Eigentums. Noch wichtiger: Unsere Texte, oft Debattenbeiträge, setzen den Anstoß der menschlichen Überlegung voraus, die Phantasie und Kreativität, ein Thema zu setzen, die Bewertung von Daten und Fakten, das Einordnungsvermögen, das nur Erfahrung schafft. Diesen Ansatz spiegelt unser heutiger Schwerpunkt wider: Wir greifen die warnenden Meldungen der globalen Finanzinstitutionen vor einer heraufziehenden
Weltwirtschaftskrise durch die technische Revolution auf. Unser Kolumnist Christian von Soest schreibt über KI als Waffe. Aber wir liefern eben auch ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen der KI für all jene, die sich für Weltwirtschaft und Geoökonomie interessieren – also für Sie.
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Daten zur Weltlage
Südkorea setzt seine Zölle auf Importe von flüssigem Erdgas (LNG) und Flüssiggas (LPG) vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2026 aus. Die Maßnahme ist auf 16,5 Millionen Tonnen beschränkt. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Zusammenfassung: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), das Institute of International Finance (IIF) und nun auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnen vor erheblichen Risiken der globalen KI-Euphorie für die Finanzmärkte und die Gesamtwirtschaft. Die prognostizierten KI-Investitionen der größten Hyperscaler nähern sich in diesem Jahr tausend Milliarden Dollar, wobei die Ausgaben schneller wachsen als Gewinne und Cashflows. Die BIZ zieht Parallelen zu historischen Spekulationsblasen wie der Dotcom-Ära, die jeweils in Rezessionen endeten. Ein Einbruch könnte eine breite Kreditklemme auslösen und die Realwirtschaft erheblich treffen.
Auf dem AI Summit in Neu Delhi im Februar kommuniziert ein Besucher mit einem Bot von Jio. Reuters
Zusammenfassung: Hyperscaler, Tokenmaxxing und Knowledge Distillation - viele KI-Begriffen erschließen sich nicht von selbst. Deshalb haben wir ein Glossar mit Fachworten zusammengetragen, die im geoökonomischen Kontext wichtig sind.
Die Weltpolitik kommt nüchtern daher. Unter dem Chatfenster des KI-Chatbots Claude erschien plötzlich eine unscheinbare Meldung: „Claude Fable 5 ist derzeit nicht verfügbar.“ Das neue Spitzenmodell war gesperrt. Tatsächlich markiert die Sperre eine neue Stufe im globalen Wettstreit um Künstliche Intelligenz.
Am 12. Juni zwang die US-Regierung Anthropic, seine neu veröffentlichten KI-Spitzenmodelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 für Ausländer zu blockieren. Selbst ausländische Mitarbeiter des Unternehmens aus San Francisco durften nicht mehr darauf zugreifen. Für das US-Handelsministerium waren Lücken in den sogenannten Frontier-Modellen ein nationales Sicherheitsrisiko. Anthropic bestreitet das. Erst nach neuen Sicherheitsfiltern durfte das Unternehmen den Zugang wieder öffnen.
Mit ihrem Verbot schneidet die US-Regierung tief in das Nervensystem der KI-getriebenen Weltwirtschaft. Fast die Hälfte aller Arbeitnehmer nutzt heute KI-Tools wie ChatGPT oder Claude. Die mächtigsten Modelle verschaffen enorme Vorteile im Wettbewerb, in Forschung und Wissenschaft, vor allem aber im modernen Krieg. Die Konflikte in Gaza, Iran und der Ukraine zeigen, wie zentral Künstliche Intelligenz für Militärs geworden ist. Anthropic war bereits zuvor mit US-Verteidigungsminister – offiziell „Kriegsminister“ – Pete Hegseth und dem Pentagon aneinandergeraten.
Traditionell zielten Exportkontrollen vor allem auf Hochleistungschips und deren Export nach China. Mit der Claude-Sperre geht die US-Regierung einen Schritt weiter. Jetzt nutzt sie Spitzenmodelle selbst als Hebel. Das verschiebt die Macht von der Produktion zum Zugriff. Auf Geheiß Washingtons dürfen zudem nur ausgewählte US-Firmen GPT 5.6, die neueste Entwicklung des Konkurrenten Open AI, nutzen.
Für Berlin und Brüssel sollte das eine Warnung sein. Europa ist bei der leistungsfähigsten KI inzwischen ähnlich abhängig wie einst von russischem Gas und dem amerikanischen Nuklearschirm. Willkürliche Sperren könnten die Wirtschaft und Sicherheit des Kontinents hart treffen, Alternativen wie Aleph Alpha oder Mistral heben bislang nicht ab. Europa braucht dringend eigene Spitzenmodelle – auch wenn der Weg dorthin weit und anspruchsvoll ist.
Zusammenfassung: Für US-Präsident Donald Trump erscheint die NATO weiterhin ein schlechtes Geschäft. Beim Gipfel in Ankara kritisierte er erneut mangelnde europäische Unterstützung im von ihm begonnenen Irankrieg. Doch Europa bemüht sich: Nicht nur haben sich die Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, bis 2035 mindestens 3,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. NATO-Generalsekretär Mark Rutte verwies auch auf europäische Waffenbestellungen von 300 Milliarden Dollar in den USA, die fast 200.000 Arbeitsplätze sicherten – für die USA also eigentlich ein gutes Geschäft. Die Denkfabrik European Council on Foreign Relations schlussfolgert: Einerseits scheinen die Vereinigten Staaten dem Verteidigungsbündnis gegenüber verpflichtet, andererseits aber abwesend zu
sein.
Bloss nicht in die Augen schauen: NATO-Generalsekretär Mark Rutte (r) und US-Präsident Donald Trump beim NATO-Gipfel in Ankara. dpa
Zusammenfassung: Die US-Zollpolitik unter Präsident Donald Trump hat das amerikanische Handelssystem strukturell verändert. Zölle werden nicht mehr regelbasiert, sondern als Mittel geoökonomischer Machtpolitik eingesetzt. Der durchschnittliche US-Zollsatz stieg von 2,6 Prozent im Januar 2025 auf 13,4 Prozent ein Jahr später. Trotz dieser massiven Eingriffe sieht die US-Denkfabrik Brookings Institution kaum Anzeichen für eine Reindustrialisierung der USA. Internationale Institutionen wie IWF und UNCTAD bewerten die Politik negativ, da sie Lieferketten verteuere und kleinere Volkswirtschaften besonders treffe. Viele Handelspartner betreiben inzwischen De-Risking und diversifizieren ihre Abhängigkeit vom US-Markt.
Zusammenfassung: Südafrika richtet sein außenpolitisches Handeln stark am Befreiungserbe des African National Congress (ANC) aus. Die Klage gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof und die Unterstützung der Palästinenser führten zu einem Tribunal im Weißen Haus und zusätzlichen Strafzöllen von 30 Prozent durch US-Präsident Donald Trump. Innenpolitisch belasten eine Arbeitslosigkeit von über 31 Prozent und ein stagnierendes Pro-Kopf-BIP das Land erheblich. China ist mit rund 21 Prozent des Handelsvolumens größter Handelspartner, während die EU den größten Bestand an Direktinvestitionen hält. Pretoria agiert allerdings weiterhin pragmatisch. Ein strategisch vorgehendes Europa könnte helfen, den wachsenden chinesischen Einfluss auszubalancieren.
Zusammenfassung: Deutsche Unternehmen haben sich trotz des Krieges in der Ukraine behauptet und investieren weiter. Laut einer Befragung von KPMG und der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer bewerten 80 Prozent der befragten deutschen Firmen ihre Geschäftslage als gut oder zufriedenstellend. 38 Prozent wollen ihr Engagement sogar „ausbauen“, zwei Drittel planen Investitionen nach Kriegsende. Die Wirtschaftskraft der Ukraine liegt allerdings nur bei etwa vier Fünfteln des Vorkriegsniveaus. Arbeitskräftemangel, Energieversorgung und Bürokratie bleiben zentrale Herausforderungen.
Zusammenfassung: Die verheerenden Erdbeben vom 24. Juni haben Venezuela Sachschäden von rund 33 Milliarden Euro zugefügt und die ohnehin geschwächte Volkswirtschaft schwer getroffen. Interimspräsidentin Delcy Rodríguez verspricht einen Mehrstufenplan und einen Fonds von 200 Millionen Dollar für den Wiederaufbau. Doch das Vertrauen in die Regierung ist nach dem mutmaßlichen Wahlbetrug im Jahr 2024 unter Nicolás Maduro gering. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte seine Wachstumsprognose auf vier Prozent angehoben, die Erdbeben aber gefährden diese Erholung.
Suche nach Überlebenden in den Trümmern - viele Menschen haben beim Erdbeben in Venezuela nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch Familienmitglieder verloren. dpa
Zusammenfassung: Die von Deutschland eingesetzte Entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission unter Ko-Vorsitz von Olaf Scholz und der ehemaligen costa-ricanischen Präsidentin Laura Chinchilla soll Deutschlands Rolle in der Entwicklungszusammenarbeit definieren. Deren Bedeutung schrumpft rasant, das jüngste G-7-Kommuniqué enthält keinerlei Bezüge zur Agenda 2030 oder zum Klimawandel. Die Regierung unter US-Präsident Donald Trump hat diesen Prozess maßgeblich befördert, und internationale Organisationen üben vorauseilende Selbstzensur. Deutschland steht unter wachsendem innenpolitischem Druck, der Koalitionsvertrag sieht eine Absenkung der Entwicklungsmittel vor, auch GIZ und KfW bekommen dies zu spüren. Die AfD will das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung gleich ganz schließen.
Ein ausgedienter Kanzler steht für den Neuanfang der Entwicklungszusammenarbeit: Olaf Scholz (SPD), ehemaliger Bundeskanzler, auf dem Global Solutions Summit 2026. dpa
Zusammenfassung: Aus China flossen mit 800 bis zu gut 1000 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr wieder enorme Mittel ab. Die Behörden gehen nun mit verschärften Maßnahmen gegen die Kapitalflucht vor. Seit Mai wurden drei große Hongkonger Broker mit Strafen von zusammen 330 Millionen Dollar belegt, weil sie ohne Lizenz Dienste in China anboten. Zudem unterliegen seit Juli erstmals auch Privatpersonen den Meldepflichten für Auslandsinvestitionen. Hinter den Abflüssen stehen die schwache Binnenwirtschaft, die Immobilienkrise und attraktivere Renditen im Ausland.
• Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Wachstumsvorhersage für die Weltwirtschaft in diesem Jahr auf nun 3 Prozent
gesenkt. In den beiden vergangenen Jahren waren es noch jeweils 3,5 Prozent gewesen. Die Inflationsrate dürfte nun bei 4,7 statt erwarteter 4,4 Prozent liegen. Im kommenden Jahr erwartet der IWF dann wieder 3,4 Prozent. „Die Weltwirtschaft hat den Schock durch den Krieg bislang besser überstanden als befürchtet.“
• Die Asiatische Entwicklungsbank (Asian Development Bank, ADB) streicht ihre Wachstumsprognose für Asien
weiter zusammen: Nun rechnet sie noch mit 4,9 Prozent in diesem Jahr, nach 5,5 Prozent 2025. Seit April haben die Analysten ihre Erwartung um weitere 0,2 Prozentpunkte verringert. Für 2027 hoffen die Ökonomen weiter auf eine Rate von 5,1 Prozent.
• Die Kommunistische Partei Chinas wächst immer langsamer
: Ende 2025 zählte sie 101,29 Millionen Mitglieder, ein Nettozuwachs von 1,02 Millionen Menschen. Die zweitgrößte Partei der Welt wächst nur noch um ein Prozent nach 3,7 Prozent im Jahr 2021. Zugleich altert sie: Mitglieder über 61 Jahre stellen inzwischen fast 30 Prozent.
• Laut den Einreichungen im Rahmen des Foreign Agents Registration Act (FARA)
hat die indische Regierung ihren Lobbying-Vertrag in den USA mit SHW Partners LLC, geführt von Trumps engem Vertrauten Jason Miller, verlängert. Der Vertrag, unter anderem für die Unterstützung bei einem Handelsabkommen, sieht eine monatliche Auszahlung von 150.000 Dollar vor.
Rückspiegel
850 Meter tief, mehr als vier Kilometer lang und drei Kilometer breit: Der Kupfertagebau Chuquicamata im Norden Chiles war lange Zeit der ertragreichste der Welt, doch die Ausbeute lässt langsam nach. Picture Alliance
Vor 55 Jahren: Chile verstaatlicht seine Minen
Von Marie Welling
Im Jahr 1971 bringt Chiles Kongress die Kupfermine Chuquicamata in staatliche Hand. Die Entscheidung führt zu einem außenpolitischen Konflikt mit den USA und begünstigt den späteren Militärputsch von Augusto Pinochet.
Es ist ein Sonntag, der 11. Juli 1971, als der chilenische Kongress einstimmig über eine Verfassungsänderung entscheidet: Von diesem Tag an ist der Staat alleiniger Eigentümer seiner Minen, darunter auch die Chuquicamata-Kupfermine in der Atacamawüste im Norden Chiles. Präsident Salvador Allende bezeichnet den 11. Juli als „Día de la Dignidad Nacional“, also als den Tag, an dem Chile seine nationale Würde wiedererlangt.
Chuqui, wie die Chilenen ihre Mine auch nennen, ist zu diesem Zeitpunkt die größte Kupfertagebaumine der Welt. Unter der Kontrolle US-amerikanischer Unternehmen wird hier seit 1915 in industriellem Maßstab Kupfer abgebaut. Zuerst bestimmte die Chile Exploration Company, was aus dem roten Metall wird, später die Anaconda Copper Mining Company. Das Kupfer verlässt Chile weitgehend als Rohstoff, wird in den USA weiterverarbeitet und anschließend verkauft. Chile bekommt für sein Kupfer zwar Steuern, der größte Teil des Geldes geht jedoch an die US-Konzerne, denen Chuquicamata und andere Kupferminen gehören. Auch die Verarbeitungsrendite kassieren amerikanische Unternehmen. Die Chilenen erkennen, dass ihnen die großen Margen beim reinen Abbau ihres Kupfers verloren gehen.
Chuqui geht an das Staatsunternehmen Codelco
Als Salvador Allende 1970 die Präsidentschaft antritt, ist die Verstaatlichung der Kupferminen quasi schon beschlossene Sache. Chuqui geht an die staatliche Kupfergesellschaft Codelco. Für die Entschädigung der US-Konzerne zieht Allende sogenannte „übermäßige Gewinne“ ab – also Profite, die die Konzerne aus Sicht der Regierung unrechtmäßig erzielt haben. Für das Unternehmen Anaconda Copper Mining, das mit Chuquicamata allein zwei Drittel seiner weltweiten Kupferproduktion erwirtschaftet hatte, bedeutet dies: keine Entschädigung.
Die Reaktion aus Washington folgt prompt. Die US-Regierung erkennt zwar das Recht von Staaten zur Verstaatlichung an – besteht aber auf einer angemessenen Entschädigung, die sich am Marktwert orientiert. Als diese ausbleibt, beginnen die USA, Chile wirtschaftlich zu isolieren. Die Exportkreditagentur Eximbank stuft Chiles Bonität in die schlechteste Kategorie herab. Kredite der Interamerikanischen Entwicklungsbank und der Weltbank versiegen, und die Wirtschaftshilfe von USAID für Chile fällt quasi auf null.
Es kommt zu einer schweren Wirtschaftskrise, die nur zwei Jahre später dazu beiträgt, dass am 11. September 1973 das Militär putscht und der General Augusto Pinochet die Macht übernimmt. Es folgen fast 17 Jahre menschenverachtende Diktatur unter Pinochet. Während seines Regimes dereguliert und privatisiert Pinochet zwar Staatsbetriebe und Banken, doch die Kupferminen bleiben weiterhin in staatlicher Hand, unter anderem, um das Militär zu finanzieren.
Kupfer bleibt für Chile wichtig
Auch heute, 55 Jahre nach der Verstaatlichung, gehört Chuqui noch immer dem weltgrößten Kupferproduzenten Codelco. Die Mine, die jahrzehntelang als ertragreichste Kupfermine der Welt galt, hat ihren Spitzenplatz allerdings verloren. Die größte Kupfermine der Welt ist nun Escondida in Chile, deren Hauptanteile der australischen Rohstoffriese BHP sowie Rio Tinto halten. Chuqui aber gilt als die tiefste Mine: Der Tagebau ist mittlerweile 850 Meter tief, mehr als vier Kilometer lang und drei Kilometer breit, und das Erz der oberen Schichten ist weitgehend erschöpft. Codelco will den Tagebau daher in eine Untertagemine verwandeln. Bis 2030 soll Chuquis Transformation fertig sein – dann soll die Tageskapazität 140.000 Tonnen Kupfer erreichen, doppelt so viel wie heute. Kupfer ist ein
wichtiges Industriemetall und hoch leitfähig. Da der globale Stromverbrauch durch Rechenzentren und Elektrifizierung steigt, wächst auch die Nachfrage.
Für die chilenische Wirtschaft ist der Handel mit dem roten Metall eine wichtige Säule: Rund ein Viertel der globalen Kupferproduktion kommt aus dem südamerikanischen Land, und sie trägt schätzungsweise zehn bis 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Auch heute kommt es jedoch immer wieder zu Konflikten rund um Chuquicamata und andere Minen. Der Kupferabbau ist wasserintensiv und konzentriert sich oft auf ohnehin trockene Gebiete. Das führt zu Auseinandersetzungen mit lokalen Landwirten, die auf dieselben Wasserressourcen angewiesen sind. Zudem generiert der Kupfersektor zwar hohe Einnahmen, bei den betroffenen Gemeinden kommt davon aber häufig nur wenig an.