Alles Wichtige zu Globalisierung, Sicherheit und Ressourcen.
Zeit, erwachsen zu werden
Heute vor einem knappen Jahr schockierte der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance die Europäer mit einer unerwarteten Attacke während der Münchner Sicherheitskonferenz (Munich Security Conference, MSC). Er drohte mit einem „neuen Sheriff in der Stadt“. Und meinte Präsident Donald Trump.
Es folgte eine Vielzahl von An- und Übergriffen der amerikanischen Regierung – Zölle, die Beschimpfung des ukrainischen Präsidenten, der drohende Rückzug aus der NATO, der Griff nach Grönland – um nur ein paar aufzulisten. Das Trump-Theater nahm Fahrt auf.
Vor der diesjährigen MSC, die am Freitag offiziell beginnt, lässt sich sagen, dass die Europäer den unerbetenen Weckruf gehört haben. Sie machen sich an die Arbeit. Den meisten von uns geht es nicht schnell genug. Aber – unter Druck – setzt sich einiges in Bewegung.
Beispielhaft sind die Freihandelsabkommen mit Mercosur, Indien und bald wohl Australien. Beispielhaft ist das Bemühen, sich mehr kritische Rohstoffe zu sichern. Aber es gilt auch, die Trennlinie zwischen einer Absicherung in unsicheren Zeiten auf der einen Seite, einer Abschottung durch eigene Schutzzölle und Subventionen auf der anderen zu bewahren – letztgenannte sind kontraproduktiv. Statt uns abzuschotten, müssen wir Partner finden, weil wir attraktiv sind: Bildung, Rechtssicherheit, Innovationsstärke, demokratischer Verlässlichkeit, Abbau von Hürden in der EU und Weltoffenheit zählen.
Beispielhaft für die neue Weltsicht ist aber auch die erzwungene Übernahme von größerer Verantwortung in der NATO, sowohl finanziell als auch auf der Führungsebene. Was dies mit Wirtschaft zu tun hat? In einer von Geoökonomie geprägten Zeit gehört die Sicherheitspolitik untrennbar zum wirtschaftlichen Handeln. Die Unternehmen müssen sich schützen. Sie entwickeln und fertigen Waffen, und sie profitieren davon auf dem Kapitalmarkt. Zugleich müssen Staaten ein glaubhaftes Sicherheitsversprechen bieten, auch um für Investoren interessant zu bleiben.
Mir will ein Satz des amerikanischen Botschafters in Bangladesch nicht aus dem Kopf gehen: Im Vorfeld der Richtungswahl im Textilland sprach Brent T. Christensen in Dhaka von der Bedeutung der „kommerziellen Diplomatie“. Und bot dem südasiatischen Land amerikanische Waffen, um Chinas Einfluss zurückzudrängen.
Eben weil Wirtschaft und Politik in München aufeinandertreffen, haben wir dieses Briefing zu weiten Teilen der MSC und ihren Themen gewidmet. Wir freuen uns, dafür herausragende Autoren gewonnen zu haben.
Die Vereinigten Staaten haben einen vorläufigen Antidumpingzoll auf Einfuhren von Silicium aus Australien und Norwegen eingeführt. Der Zollsatz für Einfuhren aus Australien beträgt 6,28 Prozent, aus Norwegen 3,94 Prozent. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Die Bundesregierung startet ein Angebot für Mittelständler, die im Ausland investieren wollen. Die digitale, KI-gestützte Plattform „Förderlotse Wachstumsmärkte“ bündelt die Beratungsangebote der Außenwirtschaftsförderung und der Entwicklungszusammenarbeit an einem zentralen Ort.
Der Chefökonom der indischen Regierung rechnet für das im April beginnende Fiskaljahr 2027 nach den angekündigten Zollsenkungen der Amerikaner nun mit einem realen Wachstum von 7,4 Prozent in Indien – ein Prozentpunkt mehr als der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem Januarausblick.
Donald Trumps harte Einwanderungspolitik und der rapide ansteigende Peso üben Druck auf die mexikanische Wirtschaft aus. Die Geldüberweisungen von Migranten aus dem Ausland nach Mexiko gingen 2025 nach Jahren des Wachstums um 4,6 Prozent zurück.
Szenarien für einen Regimewechsel in Iran Die Gewalt gegen die Massenproteste in Iran belegt, dass ein Machtwechsel kein Selbstläufer ist. Ein Blick auf die Geschichte des Landes zeigt, was der aktuellen Bewegung zum Umsturz noch fehlt.
Rückspiegel
Vor 150 Jahren lässt sich Alexander Graham Bell das Telefon patentieren. Am Valentinstag, dem 14. Februar 1876, spielen sich dramatische Szenen im Patentamt in Washington D.C. ab. Alexander Graham Bell und Elisha Gray liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Einreichen des Patents des Fernsprechers. Elisha Gray verliert, weil er seine Papiere nach Bell einreichte. Bells Anwalt übergibt den Antrag für ein „Verfahren zur Übertragung von Sprache oder anderen Tönen durch telegrafische Wellen“ am Vormittag. Zwei Stunden später klopft Grays Vertreter an dieselbe Tür, um eine vorläufige Patentanmeldung einzureichen, um seine Idee für ein Jahr zu schützen.
Wäre die Reihenfolge umgekehrt gewesen, hätte Gray vermutlich das wertvollste Patent aller Zeiten erhalten. Es steht der Verdacht im Raum, dass Bell den zuständigen Beamten im Patentamt bestochen hat, um Einblick in Grays Erfindung zu erhalten. So hat sich Bell am geistigen Eigentum seines Widersachers bedienen können, um sein Telefon endlich zum Laufen zu bringen. Denn Bells erster erfolgreicher Satz: „Mr. Watson, come here, I want to see you!“ wird nur übertragen, weil er das Flüssigkeitsmikrofon nutzte, das Gray beschrieben hat. Das geschieht übrigens erst drei Tage nach der Patenterteilung am 10. März 1876. Bis dahin hat Bell noch nie ein funktionierendes Gespräch geführt.
„Hallo Chicago“: Alexander Graham Bell führt im Februar 1876 in New York das erste Telefongespräch.Picture Alliance
Im Wettstreit um den Titel „Vater des Telefons“ bleibt auch der deutsche Erfinder Johann Philipp Reis auf der Strecke, der als erster ein Gerät zur Übertragung von Tönen über elektrische Leitungen entwickelt.
Elisha Gray geht nicht leer aus. Er verkauft sein Know-how an das Unternehmen Western Union, das damals den Telegrafen-Markt dominiert. Western Union gründet eine eigene Telefongesellschaft und ignoriert Bells Patent. Bell klagt wegen Patentverletzung und setzt sich vor Gericht durch. Dem juristischen Sieg folgt der wirtschaftliche Aufstieg. Aus dem kleinen Start-up Bell Telephone Company, das auf dem umstrittenen Patent basiert, entwickelt sich ein mächtiger Monopolkonzern: AT&T.
Das Unternehmen dominiert die USA und die Welt technologisch. Ohne die Gewinne aus dem Geschäft mit Millionen von Telefonkunden wären Meilensteine wie der Computerchip oder das Mobiltelefon vielleicht erst Jahrzehnte später erfunden worden. AT&T betreibt ab 1925 in den Bell Telephone Laboratories eine Grundlagenforschung, die weit über das Telefonieren hinausgeht. Hier entstehen Meilensteine der Technikgeschichte, darunter der Transistor (1947) und das Betriebssystem Unix, das heute in jedem Smartphone steckt. Das Monopol wird so mächtig, dass die US-Regierung wegen Kartellrechtsverstößen eingreift. 1984 wird AT&T zerschlagen.
Der Erfinder Alexander Graham Bell zieht sich früh aus dem operativen Geschäft zurück. Er ist am Ende eher genervt von seiner Erfindung – in seinem Arbeitszimmer will er angeblich kein Telefon haben, weil es ihn bei der Arbeit stört.