Alles Wichtige zu Globalisierung, Sicherheit und Ressourcen.
Nicht nackt im Wind
Wer noch rätselt, was das wiederentdeckte Schlagwort „Geoökonomie“ bedeutet, sieht es in den vergangenen zehn Tagen mit Leben gefüllt. Auf der Weltbühne ringen die Großmächte mit harten Bandagen. Um Absatz- und Beschaffungsmärkte, um Bodenschätze, um Lieferwege, Allianzen.
Von Donald Trumps Zoll- und Rohstoffpolitik getrieben, agiert die EU nun so rasch wie nie zuvor: Auf ein Handelsabkommen mit Mercosur folgt eines mit der fünftgrößten Wirtschaftsnation der Erde, Indien. Zugleich schließen die Europäer einen Sicherheitspakt mit den Indern ab. Er führt zu einem engeren Austausch, der fast zwangsläufig zum Verkauf europäischer Waffen überleitet.
Auch wenn es nicht ins Bild der Zeit passt: Zumindest kurzzeitig setzen die Europäer damit die Trump-Regierung unter Druck. Diese reagiert mit der Rücknahme ihrer Zölle von sagenhaften 50 Prozent für Indien. Was Trump dafür bekommt, bleibt im Nebel, Delhi aber verbucht einen Punktsieg. Ähnlich beim Rennen um Lateinamerika: Der US-Präsident hat sich im Handstreich Venezuela zu sichern versucht. Die EU schließt fast zeitgleich den Mercosur-Vertrag. In diesen Stunden verhandeln Amerikaner und Europäer in Washington um Zugriff auf überlebenswichtige Bodenschätze wie Kupfer und Lithium. Die punktuelle Zusammenarbeit im gemeinsamen Forum für kritische Mineralien (FORGE) ist sinnvoll.
Und Grönland? Auf das Kriegsgeheul aus Washington haben die Europäer entschlossen reagiert. Das Ergebnis: Keine US-Truppen vor der Küste Dänemarks, die NATO ist nicht am ewigen Eis zerschellt.
Nutzen sie ihre Trumpfkarten, dann haben die Schwellenländer und Mittelmächte in Asien, Afrika und Lateinamerikasie nun drei große Interessenten, die sie gegeneinander ausspielen können: China ist schon vor Ort, hat aber oft enttäuscht. Die USA arbeiten mit der Zollkeule, bieten aber Schutzversprechen und Wirtschaftskraft, auch um Chinas Einfluss zurückzudrängen. Die Europäer kommen spät, sie jedoch gelten auf der Weltbühne als verlässlich, offerieren einen kaufkräftigen Markt und Technologietransfers. Verzichten die EU auf ihre gefürchtete Überregulierung, gewinnt sie an Attraktivität. Zu dieser zählt neben der Klimatechnologie, man mag es mögen oder nicht, europäische Rüstungstechnik.
Anders gesagt: Verhalten wir uns klug – und dazu gehört Einigkeit an der Spitze der EU –, stehen wir in der neuen, kalten Welt so nackt nicht da. Wir verfügen über Mittel, uns gegen China und gegen Trump zu behaupten. Wir kennen sie. Aber wir müssen lernen, sie zu nutzen.
Schreiben Sie uns unter weltwirtschaft@faz.de gern, wie Sie über die Machtverschiebung zwischen China, den USA und Europa denken.
Und noch ein Tipp für diese Ausgabe: Öffnen Sie mit der rechten Maustaste die Bilder in Ihrer E-Mail – dann sehen Sie unsere Grafiken zu zehn Fakten über den Iran. Sie machen es leichter, mitzureden.
Um ausländisches Kapital anzulocken, gewährt China seit 1. Februar Steuerrabatte und Zollbefreiungen für Investitionen in erneuerbare Energien, Batterieherstellung, Robotik, digitale Dienstleistungen, Ökotourismus und Wellness. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Erinnerung an den Schah: Auslandsiraner demonstrieren in Hamburg mit der iranischen Flagge der Monarchie bis 1979 sowie Bildern des früheren Schahs (Mitte) und seines Sohnes Reza Pahlavi (rechts). dpa
Nach erheblichen Verlusten hat der Goldpreis wieder die Marke von 5000 Dollar je Feinunze überschritten. Vermutet wird, dass Käufer, die vergangene Woche ihre Positionen aufgrund von Margin Calls verkaufen mussten, zum günstigeren Preis wieder einsteigen. Zudem belastet die Dollarschwäche weiter das Vertrauen in andere Anlageformen.
Die USA haben den Freihandelspakt mit 32 afrikanischen Staaten, den African Growth and Opportunity Act (AGOA), um ein Jahr verlängert, er war im September ausgelaufen. Zwischenzeitlich hatte die Trump-Regierung den afrikanischen Staaten erhebliche Importzölle angedroht. 2024 hatten die Staaten Waren im Wert von 8,23 Milliarden Dollar (6,96 Milliarden Euro) in die USA exportiert.
In der Eurozone ist die Inflationsrate auf den tiefsten Stand seit Jahren gefallen. Im Januar stiegen die Verbraucherpreise innerhalb von zwölf Monaten nur noch um 1,7 Prozent. Hauptgrund sind die sinkenden Energiepreise. 2022 hatte die Inflationsrate infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine zeitweise bis zu zehn Prozent betragen.
Peking sucht sein Heil bei Trumps Opfern Europäer und Inder haben den Freihandel beschlossen. Auf lange Sicht wird das China schmerzen. Doch ist aus Peking im Vergleich zum Getöse aus Washington auf der Weltbühne wenig zu hören. Denn das Land braucht die Märkte der Demokratien, um seine Wirtschaft zu stabilisieren.
Rückspiegel
Vor 55 Jahren.Die NASDAQ wird die erste elektronische Börse. Aktien zu handeln, geht heute praktisch von überall aus. Nur ein paar Klicks in den Apps und auf den Websites der Onlinebroker oder Direktbanken, und schon sieht man aktuelle Kurse, Benchmarks oder Handelsvolumen, kann sofort kaufen und verkaufen. Vor fünf Jahrzehnten war das noch undenkbar. Wer Wertpapiere erwerben oder loswerden wollte, musste über einen Makler gehen, dessen Repräsentant wiederum vis-à-vis oder telefonisch mit anderen Händlern im Zwiegespräch den Preis aushandelte. Bis zum 8. Februar 1971, dem Start der NASDAQ-Börse in New York.
Magnetbänder und Röhrenmonitore: Datacenter der NASDAQ-Börse 1971 mit Großrechnern von Bunker RamoMuseum of American Finance/Nasdaq
Der Impuls zur Gründung kommt damals von der US-Börsenaufsicht. Die United States Securities and Exchange Commission (SEC) stört sich an der undurchsichtigen Preisbildung bei außerbörslichen Wertpapiergeschäften, die per Telefon abgewickelt werden. Um Transparenz zu schaffen, verfällt die National Association of Securities Dealers (NASD), eine Selbstregulierungsinstitution der Branche, darauf, ein eigenes Computer-Netzwerk aufzubauen. Der Name: National Association of Securities Dealers Automated Quotations – NASDAQ.
In Trumbull, Connecticut, wird für dieses Netzwerk ein „Data Center“ errichtet, gefüllt mit schrankgroßen Computern, die die Daten von Bandlaufwerken einlesen und sie dann auf monochromen Bildschirmen ausgeben. Wenn Nutzer in dieses System neue Bieter- und Angebotskurse eingeben oder alte aktualisieren, sieht dies sofort jeder Beteiligte.
Von dieser neuen Preistransparenz profitieren schnell wachsende Technologiefirmen, deren steigende Bewertungen schneller sichtbar werden und erheblich mehr Investoren anlocken. Als eines der ersten Unternehmen listet Intel seine Aktien an der NASDAQ, einige Jahre später folgen AMD, Apple, Compaq und Microsoft. Ihr Erfolg etabliert die NASDAQ in den Achtzigern als Technologiebörse. Der Index NASDAQ Composite, der 1971 mit 100 Punkten startet, steht aktuell bei mehr als 23.500 Punkten – eine Durchschnittsrendite von jährlich mehr als zehn Prozent.
Mit der NASDAQ steht die Börse nicht länger nur für einen physischen Handelsplatz, sondern vor allem für ein Informationsnetzwerk, durch das Kurse und Transaktionskosten transparent werden. Die NASDAQ setzt so den Standard für elektronische Märkte und bereitet den Weg für den globalen Onlinehandel, wie wir ihn heute kennen.