Weil Donald Trump kein Blatt vor den Mund nimmt, tun wir es an dieser Stelle auch nicht. Der Wirrkopf im Weißen Haus, dessen strategisches Denken im besten Fall der eigenen Bereicherung dient, hat sich einmal mehr gründlich verkalkuliert. Das Mörderregime der Mullahs ist in Iran weiter an der Macht. Von einem vereinbarten Waffenstillstand (ceasefire) ist bislang nichts zu spüren, der Verkehr durch die Straße von Hormus ruht, die Angriffe gehen weiter. Aber Trump hat Teheran gelehrt, seinen geostrategischen Vorteil durch die Lage des Landes an einem Engpass der Weltwirtschaft in der Praxis des Krieges zu testen.
Auch dieser „Taco-Tuesday“, an dem wieder die Parole „Trump always chickens out“ (Taco) galt, wird in die Geschichte eingehen. So wie Trumps Drohung mit dem Genozid des iranischen Volks, sein Rückzieher des Zollhammers oder derjenige in der von ihm angezettelten Grönlandfrage. Im Maßstab, wie tief die einst stolzeste Demokratie der Welt unter Führung der Clique um Trump sinken kann, haben der US-Präsident und sein aggressiv-dummer „Kriegsminister“ Hegseth die Skala deutlich nach unten erweitert.
Millionen Menschen rund um die Erde büßen dafür. Und noch könnte der Feuerzauber der Brandstifter in Washington weitere zweieinhalb Jahre währen. Die Europäer müssen in dieser Zeit einen radikalen Kurswechsel der Amerikaner in ihrer Ukrainepolitik verhindern. Nur mit Kumpelpolitik wird das nicht gehen. Auch die Wirtschaft muss sich auf noch unruhigere Zeiten einstellen, auch Manager müssen Farbe bekennen.
Wer nach Lichtblicken sucht, der findet sie bei den Mittelmächten: Die NATO-Mitglieder haben sich in den Überfall auf Iran nicht hineinziehen lassen. Der Schulterschluss hatte sich schon im Griff nach Grönland als erfolgreich erwiesen. Auch Japan und Australien ließen sich nun nicht für die direkte Beteiligung am Krieg gewinnen. Pakistan, Ägypten, der Türkei und Saudi-Arabien im Hintergrund ist es gelungen, am Golf zu vermitteln – selbst wenn der Waffenstillstand nicht hält. Und auch Peking hat einen kühlen Kopf bewiesen und seine Vorteile genutzt. Wer noch nach einem Beleg dafür suchte, wie gefährlich eine Unterbrechung des Handels in dieser vernetzten Welt werden kann, bekam sie ungewollt geliefert.
Die Lehren aus Trumps Irrlichtern sind bekannt. Der Mann ist machtbesessen, gefährlich, brutal. Er lügt nicht nur. Er will sich und seinen Clan bereichern, empfiehlt öffentlich, sich die Bodenschätze eines anderen Landes „einfach zu nehmen“, schickt sein Militär in fragwürdige Abenteuer. Aber: Er fällt um, wenn der Gegenwind anschwillt.
Wird sich Trump über seine volle Amtszeit halten? Schreiben Sie uns Ihre Einschätzung unter weltwirtschaft@faz.de
Und: Atmen Sie durch,
Ihr Christoph Hein
Teamchat
Journalismus ist ein schnelles Geschäft. Der Waffenstillstand, den die USA und Israel in der Nacht auf Mittwoch mit Iran vereinbart haben, führte auch bei uns zu erhöhter Geschwindigkeit. Schon am frühen Morgen riefen uns Autoren wie China-Kenner Andreas Landwehr an, die ihre fertigen Stücke aktualisieren wollten. Dann mussten wir die Arbeit neu verteilen, um für diese Ausgabe zusätzliche Informationen wie etwa über Vermittler Pakistan liefern zu können. Das alles geht in diesem Tempo nur, wenn hinter einem Newsletter wie diesem eine der großen Redaktionen Europas steht – mit Archivaren, Grafikern, Korrespondenten und Redakteuren, die schon vor dem Frühstück die Weltlage im Auge haben.
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Daten zur Weltlage
Um die amerikanische Industrie von Importkosten und -bürokratie zu entlasten, hat die US-Regierung die Zölle für einige Zulieferprodukte aus Stahl, Kupfer und Aluminium von 50 auf 15 Prozent gesenkt und andere komplett ausgenommen. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Zusammenfassung: Pakistan ist als Vermittler einer Waffenruhe zwischen den USA und Iran auf die Weltbühne getreten. Das Land nutzt dabei geschickt seine Beziehungen zu beiden Großmächten, zu China und zu den USA. Strategische Bündnisse mit Saudi-Arabien, der Türkei und Iran stärken Pakistans regionale Position, während der große Konkurrent Indien von Washington mit Zöllen belegt wurde. Der diplomatische Erfolg überdeckt jedoch eine desolate wirtschaftliche Lage, die nur durch IWF-Kredite und ein striktes Reformprogramm stabilisiert wird.
Pakistanische Händler feiern die Rolle bei der Vermittlung der Waffenruhe Irans mit den USA und Israel. EPA
Zusammenfassung: Taiwans Energieversorgung und Chipproduktion sind durch den Krieg am Persischen Golf akut gefährdet, da die Insel ihren Energiebedarf zu rund 95 Prozent durch Importe deckt. Die weitgehende Schließung der Straße von Hormus offenbart zugleich, wie verwundbar Taiwan im Falle einer chinesischen Blockade wäre. Auch die Versorgung mit Helium, das für die Halbleiterfertigung unverzichtbar ist, gerät unter Druck. Peking nutzt die Ablenkung der USA, die Truppen und Waffensysteme aus dem Indopazifik abgezogen haben, und hofiert die taiwanische Opposition.
Zusammenfassung: Japans Premierministerin Sanae Takaichi verfolgt in der Ölkrise nach dem US-Angriff auf Iran eine Strategie des Durchwurstelns zwischen Washington und Teheran. Sie lehnte Trumps Forderung nach einem Einsatz japanischer Militärschiffe in der Straße von Hormus ab, bot aber vage Minensucher nach Kampfende an und kritisierte ausschließlich Iran. Gegenüber Trump setzte Takaichi auf Schmeicheleien, während Außenminister Toshimitsu Motegi den Kontakt zu Iran hielt. Erste japanische Tanker passierten die blockierte Meerenge wieder, und Tokio bereitet eine Reise nach Russland vor, um mehr Gas zu importieren.
Setzt auf Zeit: Japans Premierministerin Sanae Takaichi zu Besuch in Washington bei US-Präsident Donald Trump Reuters
Kaum ein anderer Indikator der Weltwirtschaft wird derzeit so akribisch beobachtet wie der Ölpreis. Angegeben wird dabei meist der Kurs für ein Barrel (Fass von 159 Litern) der Sorte Brent. Dabei ist das gleichnamige Ölfeld mitten in der Nordsee zwischen Schottland und Norwegen längst leergepumpt. Benannt wurde es 1971 nach „brent goose“ (deutsch: Ringelgans), da der Konzern Shell seine maritimen Ölfelder damals nach Meeresvögeln betitelte. In den Achtzigern allerdings wurden in dem Brent-Feld noch mehr als 500.000 Barrel täglich gefördert. Und weil es mit Tankern transportiert wurde, konnte es leicht international gehandelt werden. Zudem war das Rohöl niedrigsiedend und schwefelarm, das verbilligte die Produktion von Benzin, Kerosin und Diesel. So ist die Brent-Qualität zum
Industriestandard geworden, an dem Rohöl aus anderen Quellen gemessen wird. Heute setzt sich die Sorte zusammen aus Öl aus den fünf Nordsee-Feldern Brent, Forties, Oseberg, Ekofisk und Troll. Weitere wichtige Ölpreis-Indikatoren sind der amerikanische West Texas Intermediate (WTI) sowie Dubai Crude, der für Ölexporte aus dem Persischen Golf nach Asien genutzt wird. (fahe.)
Zusammenfassung: Ungarn, einst marktwirtschaftlicher Vorreiter unter den postkommunistischen Staaten, ist unter Ministerpräsident Viktor Orbán wirtschaftlich weit hinter Nachbarn wie Polen und die Tschechische Republik zurückgefallen, berichtet unsere Korrespondentin in Wien anlässlich der Wahlen am Wochenende. Das auf Machtkonzentration, Nationalismus und chinesische Investitionen gestützte Entwicklungsmodell brachte zunächst Beschäftigung, führte aber zu einer wachsenden Produktivitätslücke, hoher Verschuldung und der höchsten Inflation in der EU. Die Schlüsselbranche Automobilindustrie bleibt entscheidend für den künftigen Wohlstand des Landes.
Zusammenfassung: Bolivien, eines der lithiumreichsten Länder der Welt, erlebt unter dem neuen christdemokratischen Präsidenten Rodrigo Paz eine strategische Neuausrichtung: weg von China und Russland hin zu den USA und Europa. Die USA drängen auf engere Zusammenarbeit mit der neuen bolivianischen Regierung. China hingegen gerät wegen fragwürdiger Einflussnahme zunehmend in die Kritik. Ob die neuen Chancen für europäische und amerikanische Akteure diesmal tatsächlich in eine funktionierende Lithiumförderung münden, bleibt angesichts der innenpolitischen Widerstände offen.
Zusammenfassung: Reformen in Russland erscheinen nur realistisch, wenn eine Niederlage in der Ukraine mit einer innenpolitischen Krise zusammenfällt, analysiert der Politikwissenschaftler Eberhard Schneider vom Ost-West-Institut. Denkbare Szenarien reichen von einem russischen Sieg mit fortgesetzter Repression bis zu einem Machtverlust reformorientierter Kräfte nach einem Zusammenbruch. Putin unterbinde aber systematisch die Koordination von Eliten und baue die Nationalgarde als Gegengewicht zur Armee auf. Der Krieg selbst wirke als Stabilitätsfaktor des Systems.
Russlands Präsident Wladimir Putin baut die Nationalgarde zu seiner persönlichen Armee auf. AFP
Zusammenfassung: Super-Apps wie Grab, Gojek und WeChat entwickeln sich von regionalen Alltagsplattformen zu strategischen Vehikeln im globalen Wettlauf um Künstliche Intelligenz, berichten zwei Analystinnen von Geolytics. Dabei konkurrierten zwei Ansätze: In Südostasien kooperieren Apps wie Grab mit US-Unternehmen, chinesische Konzerne wie Tencent schaffen dagegen geschlossene Ökosysteme. Beide Modelle erzeugen nutzerseitige Abhängigkeiten und systemische Lock-in-Effekte, die zur geopolitischen Blockbildung beitragen. Für Europa stellt sich die Frage, ob es seine digitalen Regeln an den Knotenpunkten durchsetzen kann, über die KI verteilt wird.
Zusammenfassung: Der auf der Weltklimakonferenz in Belém gestartete Tropical Forest Forever Facility soll mit 125 Milliarden Dollar den Tropenwaldschutz finanzieren. Ein Entwicklungsfachmann bezweifelt jedoch, dass dieser Betrag angesichts kurzfristiger Erträge durch Agrarland, Holzeinschlag und Rohstoffabbau als Anreiz ausreicht. Bislang liegen nur Zusagen von 6,7 Milliarden Dollar vor, weit unter den angestrebten 25 Milliarden an öffentlichen Mitteln. Der Fonds könnte wie der in einer Vertrauenskrise steckende Vorgängermechanismus REDD+ zum Problemfall werden.
Es wirkt wie ein Zeugnis aus längst vergangener Zeit. Auf der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow stellten Südafrikas Präsident Ramaphosa und westliche Industriestaaten 2021 die erste internationale Partnerschaft für eine „gerechte“ Energiewende vor. 8,5 Milliarden Dollar sollten für Pretorias Weg aus der dreckigen Kohle hin zu Windrädern, Solarzellen und stabilen Netzen fließen. Später kamen der Senegal und die Investorenlieblinge Vietnam und Indonesien dazu, beide mit noch höheren Milliardenversprechen. Ein bahnbrechendes Programm.
Die Hilfe ist bitter nötig. Südafrika beispielsweise ist von Kohle abhängig. Mit dem Klimagift erzeugte es 2023 rund 80 Prozent seines Stroms, nur zehn Prozent kamen von Erneuerbaren – eigentlich unglaublich in einem Land mit derart viel Sonne und Wind. Der staatliche Versorger Eskom befeuert 15 Kohlekraftwerke, die Südafrikaner leiden trotzdem unter einem chronisch unsicheren Netz. Allein 2022 sollen an mehr als jedem zweiten Tag die Lichter ausgegangen sein. Die kohleverliebte Eskom erwies sich als Milliardengrab und zog geldgierige Hyänen an.
Energiepartnerschaften sollen den Wandel der aufstrebenden Staaten befeuern. Vietnam etwa will bis 2050 klimaneutral sein. Die Trump-Regierung fand allerdings: Das muss weg. Im März vergangenen Jahres stieg sie aus den Partnerschaften aus und setzt stattdessen voll auf „Energiedominanz“ durch Fracking-Gas und -Öl.
Die Partnerschaften laufen weiter, doch kommen viele Vorzeigeprojekte kaum vom Fleck. Südafrika ist noch am weitesten. Die Kritik: Geber- und Empfängerländer reden aneinander vorbei, Zuschüsse fließen spärlich, und die Betroffenen haben zu wenig Mitsprache. Das gilt vor allem für Vietnam, wo die Energiewende den kommunistischen Einparteienstaat festigt. Vietnams Behörden verhafteten Umweltaktivisten, Bürgerrechtler und einen prominenten Energieexperten. Einige verbüßen lange Haftstrafen. Ein Unding für eine „gerechte“ Partnerschaft.
Doch zur Energiewende fehlt jede Alternative. Industriestaaten, die die Klimakrise vor allem verursacht haben, müssen denen helfen, die jetzt sauber wachsen sollen. Und spätestens seit Iran die Straße von Hormus blockiert und die Ölpreise explodieren, muss jeder Importeur so schnell wie möglich weg vom fossilen Brennstoff. Mitte April tagt in Berlin die Binationale Kommission Deutschlands und Südafrikas. Einen drängenderen Zeitpunkt für saubere Energie gab es nie.
Kurz & knapp
• Investoren haben im März nach dem Angriff von Amerikanern und Israelis auf Iran große Summen aus den Schwellenländern abgezogen. Der Gesamtbetrag sank um 70,3 Milliarden Dollar. Im Februar war er noch um 22,4 Milliarden Dollar gestiegen, meldet das Institute of International Finance (IIF). Damit ist dieser März der schwächste Monat seit März 2020.
• Die finanziellen Kosten von 39 Tagen Krieg mit Iran beziffern Analysten auf rund 40 Milliarden Dollar. Der amerikanische Tracker Iran War Cost, der auf offiziellen Angaben des Pentagon basiert, kommt auf rund 45 Milliarden Dollar.
• Der hohe Entwicklungsstand vieler Länder in Afrika führt die neue Rangliste der „vergessenen Nachrichten“ der Initiative Nachrichtenaufklärung an. Deutsche Medien zeichneten oft ein einseitiges Bild eines armen Kontinents, obwohl der Entwicklungsstand mittlerweile teils das Niveau anderer Kontinente erreicht habe.
Rückspiegel
Jamestown: Angehörige der Virginia Company of London bauen in Virginia die erste englische Siedlung in Nordamerika (Illustration aus dem 19. Jahrhundert). Picture Alliance
Der Grundstein für die Vereinigten Staaten wird nicht erst 1776, sondern schon am 10. April 1606 in London gelegt. Damals gründet König James I. die Virginia Company of London für die wirtschaftliche Erschließung Nordamerikas. Ihr Erbe prägt die USA bis heute.
Schon mehr als ein Jahrzehnt, bevor die legendären „Pilgerväter“ in der „Mayflower“ den Atlantik überqueren, beginnt England mit der kolonialen Ausbeutung Amerikas: Am 10. April 1606 gründet der britische König James I. die Virginia Company of London – sie wird die Basis für die Besiedlung eines Kontinents, der wohl wie kein anderer vom Kapitalismus geprägt ist und sich ihm verpflichtet fühlt.
Die Virginia Company of London würde man heute vielleicht als Public-Private-Partnership bezeichnen: Sie wird von König James I. lizenziert und mit Rechten ausgestattet, finanziert aber von privaten Geldgebern. Sie erhält das Monopol, alle Ressourcen zwischen dem 34. und 41. Breitengrad an der nordamerikanischen Ostküste auszubeuten. Dafür errichtet die Company 1607 den Ort Jamestown als erste dauerhafte englische Siedlung in Nordamerika. Der größte Investor, Baron De La Warr, wird der erste Gouverneur in der Kolonie – nach ihm werden später der Bundesstaat und der Fluss Delaware benannt.
Anders als die East India Company setzt die Virginia Company nicht nur darauf, bereits angebaute Produkte wie Tee oder Gewürze für den Export nach Europa zu erschließen. Sie versteht Amerika als Acker für Europa: Gezielt pflanzen die englischen Siedler karibischen Tabak in der nordamerikanischen Erde an, da dieser sich besser in England verkauft als der indigene Tabak aus Virginia.
Doch der Anbau solcher „Cash Crops“ (Exportfrüchte) ist sehr personalintensiv. Um den Arbeitskräftemangel zu mindern und immer mehr Flächen bewirtschaften zu können, beginnen die Jamestown-Kolonialisten von 1619 an, massenhaft Sklaven aus Afrika zu entführen. Sie errichten damit die nordamerikanische Sklavenwirtschaft, deren wirtschaftliche, politische und soziale Folgen bis heute die Vereinigten Staaten fundamental prägen.