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Merz europäisches Momentum
Während die Russen die Ukraine weiterhin angreifen, ein Schweigen der Waffen wenigstens über Weihnachten ablehnen, läuft der Verhandlungsmarathon.
Zu Wochenbeginn brachte Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin Europäer und Amerikaner mit Präsident Wolodymir Selenskyj zusammen. Zeitgleich lud der DIHK zum 8. Deutsch-Ukrainischen Wirtschaftsforum. Die Geschäftsleute empfingen Selenskyj mit stehendem Applaus. Meine Kollegin Sabine Balk nutzte die Chance, Wirtschaftsminister Oleksii Sobolev zu interviewen. In Den Haag wurde dann über Auflistung und Reparation der Schäden durch die Angriffe Moskaus gesprochen. Den Höhepunkt bilden die heutigen Verhandlungen in Brüssel über den Zugriff auf die eingefrorenen Zentralbankguthaben Moskaus.
Ob die Initiativen der Europäer reichen werden, US-Präsident Donald Trump bei der Stange zu halten, ist angesichts dessen Sprunghaftigkeit mehr als ungewiss. Dass ein Immobilienhändler und ein Schwiegersohn Trumps mit Milliardenvermögen als amerikanische Unterhändler über Krieg und Frieden verhandeln, ist an sich schon ein Skandal. Wie schon bei seinen Auftritten in der arabischen Welt hat es der Trump-Clan nicht nötig, seine wahren Interessen zu verschleiern. Dass Moskau den vorgelegten Plan mit zynischen Worten ablehnen wird, scheint vorgegeben.
Dennoch hat sich etwas geändert. Merz ist es gelungen, Europa zu stärken. Die Europäer haben, getrieben von Trump, einen eigenen Plan vorgelegt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber nie selbstverständlich war.
Auch saßen in Berlin eben nicht nur Deutschland und Frankreich am Tisch, sondern auch Polen, skandinavische Länder und die Niederlande. Dass nun die Debatte über eine Schutztruppe losgetreten ist, führt zu reinigenden Gewittern. Wegducken reicht nicht mehr. Die engere militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Ukraine und der Bau einer Fabrik in Bayern für rund 100 Millionen Euro zur Produktion von gut 10.000 ukrainischen Drohnen weisen in dieselbe Richtung.
Es geht um die Ukraine und die Menschen dort. Es geht aber auch darum, dass Europa seine Souveränität wiedererlangt, dass es sich angesichts der russischen Bedrohung und der eigenen Zerstrittenheit neu aufstellen muss. Der Umgang mit der Ukraine ist eine Chance, auf der Weltbühne ein Vakuum zu füllen – Trumps Selbstbereicherungsmaschine Amerika, der Einparteienstaat China oder Moskaus Kriegsregime dürfen nicht die einzigen Wahlmöglichkeiten bei der Partnersuche von Schwellen- und Entwicklungsländern sein.
Gelänge es, an diesem Donnerstag Zugriff auf die rund 210 Milliarden Euro des Kriegstreibers zu bekommen, hätte Putin sich verrechnet: Er dürfte dann nicht nur mit amerikanischen Geschäftsleuten über das Filetieren der Ukraine scherzen, sondern stünde einem gestärkten Europa gegenüber.
Was sind Ihre Ideen für den Umgang Europas mit der Ukrainekrise? Schreiben Sie uns unter weltwirtschaft@faz.de. Ihre Kommentare zur Verteidigung Europas haben wir in dieser Ausgabe auf einer Seite zusammengestellt.
Unsere nächste Ausgabe erscheint am 1. Januar 2026. Wir wünschen Ihnen, trotz angespannter Zeiten, Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch!
Die EU-Kommission hat Dänemark erlaubt, 3,8 Milliarden Euro an Subventionen für Carbon-Capture-Anbieter bereitzustellen. Sie erhalten von 2029 bis 2040 Zuschüsse für jede Tonne Kohlendioxid, die sie abscheiden und speichern. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Bevor er im Juli 2025 ukrainischer Wirtschaftsminister wurde, war Oleksii Sobolev, Jahrgang 1983, unter anderem Investmentmanager und verantwortete Prozorro.Sale, eine Auktionsplattform für öffentliche Vermögenswerte. Reuters
Bauern gegen freien Handel: Nicht nur in Frankreich protestieren vor allem Landwirte gegen das Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten in Südamerika. AP
Die Ölpreise sind auf den tiefsten Stand seit vier Jahren gefallen, Brent Crude steht aktuell bei rund 60 Dollar je Barrel (159 Liter). Gründe sind die anhaltende starke Ölproduktion sowie Hoffnungen auf einen Waffenstillstand in der Ukraine, mit dem Sanktionen gegen Russland gelockert werden könnten.
Japans Export ist den dritten Monat in Folge gestiegen und hat im November im Vergleich zum Vorjahr um 6,1 Prozent zugelegt. Die Ausfuhr in die USA erholte sich erstmals seit acht Monaten und stieg um 8,8 Prozent, Autoausfuhren stiegen um 1,5 Prozent.
Die Afrikanische Entwicklungsbank AfDB hat erstmals elf Milliarden Dollar für Entwicklungshilfeprojekte in Afrika eingesammelt. Allein zwei Milliarden Dollar stammen aus einem OPEC-Entwicklungsfonds. Erstmals hätten 19 afrikanische Staaten Geld zugesagt. Das Engagement ist womöglich eine Reaktion auf den Rückzug der USA, die der AfDB ursprünglich 555 Millionen Dollar zugesagt hatten.
Vor 160 Jahren: Ende der Sklaverei in den USA. Seit ihrer Gründung sind die Vereinigten Staaten fast ein Jahrhundert lang der Frage ausgewichen, wie es die Republik trotz ihres freiheitlichen Gründungsmythos mit der Sklaverei hält. Am Ende muss ein Bürgerkrieg mit mehr als 620.000 Toten eine Antwort darauf geben. Nach seinem Ende, und nachdem 27 der damals 36 Bundesstaaten zugestimmt haben, kann schlussendlich am 18. Dezember 1865 der 13. Zusatzartikel zur Verfassung in Kraft treten, mit dem der Besitz von Sklaven abgeschafft wird. Der Sklavenimport in die USA war schon seit 1808 verboten.
Idealisierte Darstellung aus dem 19. Jahrhundert: Sklaven pflücken Baumwolle in den amerikanischen Südstaaten.Picture Alliance
Die Sklavenfrage hat die Staaten auch deshalb so gespalten, weil damit zwei grundlegend verschiedene Wirtschaftssysteme konkurriert haben: sklavenbasierte Agrarwirtschaft im Süden, die vor allem viele Arbeitskräfte für monotone Erntearbeiten benötigt, gegen den industrialisierten Norden, der Arbeiter braucht, die ständig neue und immer komplexere Fertigungsschritte erlernen sollen, wozu sie mit Lohnanreizen motiviert werden – oder sie können gegen Fähigere ausgetauscht werden.
Mit dem Ende des Bürgerkriegs ist klar, dass Industrialisierung und Lohnarbeit sich in den USA durchsetzen: Die Investitionen verlagern sich von der Baumwollherstellung in Eisenbahnen, Stahlwerke und den Maschinenbau, die Industrieproduktion zwischen 1865 und 1880 verdoppelt sich, der Weg vom Agrarstaat zur industriellen Weltmacht ist angelegt.
Die amerikanische Baumwollproduktion bricht auf ein Drittel ein. Das schmerzt nicht nur amerikanische Plantagenbesitzer, sondern auch britische Fabrikanten, die in den amerikanischen Süden investiert hatten. Ihr Blick richtet sich jedoch schnell auf Ausweichmärkte, insbesondere Ägypten und Indien, zwei Staaten unter britischer kolonialer Kontrolle. Dort werden die Bauern animiert, statt Nahrungsmitteln die begehrte Baumwolle anzubauen – auch wenn dies bald Hungersnöte in diesen Ländern verursacht. Die USA verlieren für immer die Weltmarktführerschaft bei Baumwolle. Die globalen Lieferketten verschieben sich in Richtung Afrika und Asien. Nicht zum letzten Mal.