Alles Wichtige zu Globalisierung, Sicherheit und Ressourcen.
Die Welt im Schwitzkasten
Steigende Preise an deutschen Tankstellen waren nur der erste Fingerzeig. Wie nach einem Steinwurf ins Wasser breiten sich die Wellen des Krieges im Iran rund um die Erde aus. Nun erreichen dessen Folgen die Schwellenländer.
Sie muten kindlich naiv an, und doch sind die Anweisungen Ausdruck von Wehrlosigkeit: Die thailändische Regierung verordnet ihren Beamten, kurzärmelige Hemden zu tragen. Klimaanlagen sollen ihre Räume nur noch auf 27 Grad kühlen. Die Philippinen schicken die Staatsdiener ins Homeoffice. In Indien kürzen Restaurantketten wie Sangeetha Veg ihre Speisekarte. So wollen die Schwellenländer Treibstoff und Energie sparen. Sie werden knapp, weil der Iran nach den Angriffen von Israelis und Amerikanern die Straße von Hormus sperrt. Trotz der Freigabe von Reserven ist der Preis am Donnerstag wieder über die 100-Dollar-Grenze pro Fass gestiegen.
Die Meerenge bezeichnet die Regierungssprecherin des Iran als „von Gott gegebene Ressource“. Diese Ressource zu sperren ist ein weiterer Beleg dafür, wie fragil Lieferketten sind. China kann die Versorgung der Industrie rund um die Welt mit Seltene Erden unterbrechen. Malaysia kann Singapur, China Indien, und Indien Pakistan das Wasser abdrehen. Amerika kann die Lieferung seiner Waffen und Ersatzteile aufhalten. Der Iran kann ganz Asien von Öl, Gas und Dünger abschneiden.
Diese Machtmittel zu nutzen sind wirtschaftliche Kriegserklärungen. Irans Verteidigungsstrategie trifft mittelbar die Armen der Erde. Steigende Preise für Öl und Gas treiben die Lebensmittelpreise, Düngermangel bedroht Ernten in Afrika und Südasien, wo immer noch rund 60 Prozent der Menschen von der Landwirtschaft leben. Und für Regierungen wird es sprunghaft teurer, Kredite an den internationalen Kapitalmärkten aufzunehmen.
Der Iran setzt seine „Gott gegebene Ressource“, seinen geographischen Vorteil, ohne Rücksicht auf Verluste ein. Die Mullahs nehmen die Welt in den Schwitzkasten. Israelis und Amerikaner haben die Bedeutung der Meerenge unterschätzt. Russland verdient an jedem Anstieg des Ölpreises um 10 Dollar rund 20 Milliarden Dollar – rund 70 zusätzliche Milliarden fließen seiner Kriegskasse nun schon zu. Der Ukraine aber geht die Luftverteidigung aus, die nun am Golf genutzt wird. Die Welt war auf diesen Angriff nicht vorbereitet.
Dem Nahostkrieg haben wir darum nicht nur eine aktuelle Podcastfolge von F.A.Z. PRO Weltwirtschaft gewidmet. In diesem Newsletter informieren wir Sie über die Lage im Iran, über andere Nadelöhre des Welthandels, über Dubais schwankendes Geschäftsmodell. Und weil Grafiken manchmal mehr sagen als Worte, illustrieren wir die weitreichenden Folgen der Sperrung der Straße von Hormus.
Und doch: Die Globalisierung hält mehr aus, als viele denken. Der amerikanische Ökonom Steven Altman warnt in unserem Newsletter davor, dem „Narrativ der Deglobalisierung“ aufzusitzen. Wenigstens das ist eine gute Nachricht.
Schreiben Sie uns gern unter weltwirtschaft@faz.de Ihre Meinung über eine Lösung des Iran-Konflikts.
Wegen mutmaßlicher Dumpingpreise belegt Kanada bestimmte Lkw-Teile aus China mit einem Anti-Dumping-Zoll von 12 Prozent. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Die USA wollen verhindern, dass Indien wie China zum wirtschaftlichen Rivalen Amerikas werde. Das hat der stellvertretende amerikanische Außenminister Christopher Landau in Neu Delhi geäußert. Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar erwiderte, dass Indiens Aufstieg unaufhaltbar sei.
Das bilaterale Handelsvolumen Deutschlands mit der asiatisch-pazifischen Region 2025
ist um 0,8 Prozent auf 498,8 Milliarden Euro gestiegen. Die Importe nahmen um 6,5 Prozent zu, die Exporte sanken um 7 Prozent. Besonders betroffen waren die deutschen Exporte nach China, die um 9,7 Prozent zurückgingen.
Zum Ausklang des Nationalen Volkskongresses hat China verkündet, die Erwartungen weit übertroffen zu haben: Der Export wuchs in den ersten zwei Monaten des Jahres um 21,8 Prozent im Jahresvergleich, erwartet worden waren gut 7 Prozent. Die Ausfuhr von Fahrzeugen stieg um 81,3 Prozent, diejenige von Computerchips um 66,5 Prozent. Das offizielle Wachstumsziel liegt nun in einem Korridor von 4,5 bis 5 Prozent und damit erstmals seit 1991 unter 5 Prozent.
Erstmals seit 30 Jahren hat Südkorea eine Obergrenze für Benzinkosten verhängt, nachdem der Spritpreis die Marke von 1900 Won (1,28 Dollar) je Liter überschritten hatte. Auslöser ist der weltweite Ölpreisanstieg in Folge des Nahostkrieges. Südkorea ist komplett auf Ölimporte angewiesen.
Felbermayr: US-Schulden werden zur „Mutter aller Krisen“ Der neue „Wirtschaftsweise“ der Bundesregierung, Gabriel Felbermayr, hat Deutschland davor gewarnt, zu einseitig auf Exportwirtschaft zu setzen. Durch Trumps Schuldenpolitik sieht der Ökonom auch den deutschen Wohlstand gefährdet.
Rückspiegel
Vor 75 Jahren:Iran verstaatlicht die Ölförderung. Wem steht der Ölreichtum zu? Diese Grundsatzfrage löst 1951 eine der ersten Ölkrisen der Weltgeschichte aus. Im persischen Abadan war 1908 eine der größten Ölquellen der Erde entdeckt worden, die seitdem von britischen Unternehmern ausgebeutet wird. Seit 1993 sieht ein Abkommen vor, dass dem Staat Iran maximal 25 Prozent der Ölgewinne zustehen, den Briten der große Rest. Damit jedoch will sich die Regierung in Teheran nach dem Zweiten Weltkrieg nicht länger zufrieden geben.
Mohammed Mossadegh kämpfte für die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie und verhandelte als Premierminister mit den Briten über eine neue Förderkonzession.Picture Alliance
Die Iraner fordern, dass – so wie in Venezuela und Saudi-Arabien – die Gewinne genau hälftig geteilt werden. Doch die britische Anglo-Iranian Oil Company lehnt solch eine Teilung strikt ab, die stark kriegsgeschädigten Briten sind auf die Dollareinnahmen aus dem iranischen Öl angewiesen.
Nach heftigen innenpolitischen Turbulenzen – inklusive Attentat auf den Ministerpräsidenten – beschließt daher das iranische Parlament am 15. März 1951 die Verstaatlichung des Ölsektors. Der Beschluss löst die ersten Wirtschaftssanktionen gegen Iran aus: Großbritannien verhängt ein Ölembargo, das Land stürzt in eine jahrelange Wirtschaftskrise. Später stürzen britische und amerikanische Geheimdienstler den iranischen Premier Mohammed Mossadegh und re-inthronisieren den geflüchteten Schah. Am Ende einigen sich beide Seiten 1954 auf ein Abkommen, wonach Iran zwar die formale Kontrolle über das Öl behält, über Förderung, Preise und Verteilung der Einnahmen aber ein Konsortium westlicher Konzerne entscheidet.
Diese Abadan-Krise verschiebt die globalen Gewichte im Ölhandel: Großbritannien büßt seine Vormachtstellung an die Amerikaner ein, Iran die seine im Nahen Osten an die Förderländer Saudi-Arabien, Kuwait und Irak, die zu wichtigen westlichen Alliierten werden. Die Iraner dagegen verlieren ihr Vertrauen in den Westen. Länder wie Brasilien, Irak, Burma, Ägypten und Argentinien nehmen die Vorfälle in Iran zum Vorbild und verstaatlichen ihre Ölindustrien, um stärker selbst von den Einnahmen zu profitieren.
Die Episode ist zudem einer der Auslöser zur Gründung der Organisation erdölexortierender Staaten (Organization of the Petroleum Exporting Countries, OPEC). Sie wird über Jahrzehnte den globalen Ölpreis kontrollieren – und die schwersten Ölkrisen.