Alles Wichtige zu Globalisierung, Sicherheit und Ressourcen.
Wo wir stehen
Die beiden ersten Monate des Jahres zeigen uns mit voller Härte, dass wir in einer von Geoökonomie geprägten, gnadenlosen Zeit leben. Eine Bestandsaufnahme.
Weltpolitik und Weltwirtschaft sind von Machtkämpfen, vom Ringen um Ressourcen und vom Recht des Stärkeren geprägt. Dabei bedienen sich Regierungen – gewählt oder nicht gewählt – immer häufiger wirtschaftlicher Zwangsmittel, um Ziele durchzusetzen.
Das Elitentreffen in Davos, der amerikanische Griff nach Venezuela, die Münchner Sicherheitskonferenz, das Zollchaos der USA, der russische Krieg um die Ukraine in seinem fünften Jahr, die Merz-Reise nach China: nach den turbulenten ersten zwei Monaten des Jahres ist es Zeit für eine kurze Bilanz.
|1| Die Welt ist von zwei großen systemischen Rivalen geprägt. Zwar ist die EU die zweitgrößte Volkswirtschaft. Doch kann sie in ihrer demokratischen Vielfalt Autokratien kaum in der gebotenen Geschwindigkeit Paroli bieten.
|2| Wir Europäer müssen mit den beiden Platzhirschen China und USA zusammenarbeiten, denn es sind unsere wichtigsten Märkte. Zugleich ist der eine, China, als Systemrivale gebrandmarkt. Der andere, die USA, steuert unter Präsident Donald Trump einen unkalkulierbaren Kurs weg von einer Partnerschaft.
|3| Da andere Mittelmächte ähnliche Probleme haben wie wir und zugleich zu Absatz- und Beschaffungsmärkten heranwachsen, müssen wir uns nach neuen Partnern unter ihnen umschauen. Japan, Kanada, Australien, Indien, die Emirate, Mercosur, Südostasien oder Südkorea stehen in der ersten Reihe. Wir als Europäer unterschätzen, wie viel die EU zu bieten hat: Freiheit, Innovationsfähigkeit, Rechtssicherheit, Kaufkraft – um nur einiges zu nennen.
|4| Um noch attraktiver zu werden, muss die EU als Einheit auftreten. Sie darf nicht alles von allen verlangen, muss punktuelle Partnerschaften akzeptieren. Wahrscheinlich ist es dafür notwendig, ein Europa der zwei Geschwindigkeiten zuzulassen.
|5| Die EU muss ihren Werkzeugkasten möglicher Antworten auf politische, wirtschaftliche und militärische Angriffe füllen. Diese Verteidigungsmechanismen müssen nicht nur stark, sondern auch einsatzbereit und zudem demokratisch legitimiert sein.
In diesem Briefing liefern wir einige Bausteine für Europas Zukunft. Nach unserem China-Schwerpunkt vor der Merz-Reise schauen wir, was der Kanzler dort erreicht. Wir erklären die Folgen des Zollchaos, stellen aber auch die Antwortmöglichkeiten der EU zur Debatte. In einem Exklusiv-Interview erklärt uns Bernd Lange, der Vorsitzende des Handelsausschusses des Europäischen Parlaments, wie es für Brüssel nun weitergeht. Und Wissenschaftler präsentieren ein Konzept zum Stärken der deutschen Rohstoffversorgung.
Schreiben Sie uns unter weltwirtschaft@faz.de, welchen Weg die Europäer in dieser schwierigen Ausgangslage gehen sollten. Wir sind auf Ihre Meinung gespannt.
Die seit dieser Woche geltenden globalen Importzölle in die USA betragen zunächst zehn Prozent, nicht 15 Prozent, wie von US-Präsident Donald Trump angekündigt. Sie gelten maximal 150 Tage, danach muss der Kongress ihnen zustimmen. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Nur noch für Besucher in Betrieb: In der Grube der Wismut AG im sächsischen Erzgebirgskreis wurden Silber und Kobalt sowie von 1947 bis 1952 Uranerz gefördert. dpa
Die USA haben Zölle in Höhe von 126 Prozent auf Solarpanele aus Indien verhängt. Die subventionierten Panele indischer Unternehmen würden die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Produzenten schwächen und gegen Regeln der Welthandelsorganisation verstoßen. Im Zeitraum 2023-24 haben indische Firmen Panele im Wert von rund 2 Milliarden Dollar exportiert.
Mexikos Wirtschaft ist 2025 nur um 0,8 Prozent gewachsen, berichtet die Statistikbehörde INEGI. Das sei der niedrigste Stand seit der Pandemie 2021. Vor allem die für den Export wichtige Industrie habe eingebüßt, unter anderem wegen des Zollkonflikts mit den USA. Mexiko ist die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas.
Peking plant ein globales Superstromnetz China durchzieht sein Land mit neuartigen Ultrahochspannungsleitungen. Die Regierung will diese Technologie als globalen Standard etablieren, um die Welt mit eigenem Ökostrom zu beliefern, erklärt ein China-Fachmann.
Rückspiegel
Vor 65 Jahren.Kennedy gründet das Friedenskorps. Manchmal entstehen wegweisende Ideen aus Verlegenheit. Spät in der Nacht trifft der damalige Präsidentschaftskandidat John F. Kennedy im Wahlkampf 1960 in Ann Arbor für einen Wahlkampfauftritt ein. Obwohl es zwei Uhr nachts ist, erwarten ihn dort 10.000 Studenten. Also muss JFK schnell eine Rede improvisieren – und fragt, ob die Studenten bereit wären, zwei Jahre lang in Ländern wie Ghana zu leben, um dort Entwicklungshilfe zu leisten. Zu seiner Überraschung melden sich 1000 Studenten und sammeln ihre Namen auf einer Liste.
1961: Präsident John F. Kennedy begrüßt im Weißen Haus die ersten Freiwilligen für das Peace Corps.Picture Alliance
Die Episode gilt als Auslöser für das Friedenscorps (Peace Corps), das Kennedy per Erlass am 1. März 1961 gründet. Die Idee: Entwicklungspolitik als Teil einer globalen Außenwirtschaftspolitik nutzen. Aufbauhelfer aus dem Westen sollen den neuen Staaten in Afrika und Asien beim Aufbau ihrer Wirtschaft helfen. Im Gegenzug entstünden wirtschaftliche Partnerschaften und politische Loyalitäten gegenüber den USA, um eine Hinwendung dieser Länder zu konkurrierenden Großmächten zu verhindern.
Das Peace Corps institutionalisiert das Konzept eines staatlich organisierten Freiwilligendienstes in der Entwicklungspolitik und inspiriert Nachahmer, darunter den Deutschen Entwicklungsdienst (heute Teil der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ), das European Solidarity Corps der EU und die UN Volunteers.
Unter der Trump-Regierung gelten solche „Soft Power“-Institutionen jedoch als unnötiger Ballast: Die Mittel des Peace Corps werden erheblich gekürzt, es wird mit Personalkürzungen von bis zu 50 Prozent gerechnet.