Im Scheinwerferlicht stehen derzeit andere: Donald Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping und, gezwungenermaßen, Papst Leo XIV. Im Dunkel bleiben Milliarden von Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Ihr Leiden wächst mit jeder Stunde, in der die Lieferketten unterbrochen sind. Weil sie sich keinen Sprit mehr leisten können, weil Busse nicht mehr fahren, weil Klimaanlagen ausgeschaltet bleiben, weil der Diesel für Wasserpumpen und Stromgeneratoren fehlt. Der Transport von Lebensmitteln, Medikamenten, Treibstoff und Wasser wird durch den Nahostkonflikt teurer. Fehlt es an bald an Dünger, werden die nächsten Ernten ausfallen.
Zugleich wird weltweit die Entwicklungshilfe abgebaut. Denn Geld, das in Verteidigung oder die Klimawende fließt, kann kein zweites Mal ausgegeben werden. Allein das von Trump verkündete abrupte Ende von USAID hat bislang das Leben von mehr als einer Million Menschen gefordert. Hilfsprogramme gegen Malaria, Aids und Mangel- oder Unterernährung mussten beendet werden. Auch in Deutschland steht die Entwicklungszusammenarbeit vor tiefen Einschnitten. Unterdessen legt die Inflation zu, steigen die Kreditzinsen auch für ganze Länder, schmilzt der Außenwert ihrer Währungen.
Die Sudan-Konferenz am Mittwoch in Berlin war ein Versuch, einen Ausweg aus der wohl schwersten humanitären Katastrophe weltweit zu finden. Fast 1,5 Milliarden Euro hat die Staatengemeinschaft an Hilfe zugesagt. Bei den erbitterten Kämpfen zwischen Militärs und Aufständischen sollen schon rund 150.000 Menschen getötet worden sein. 12 Millionen Menschen sind unter erbärmlichen Bedingungen auf der Flucht. 33 Millionen Menschen können ohne Hilfe von außen nicht überleben. In Somalia sind 2 Millionen Kinder von Hunger bedroht.
Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UN Trade and Development, Unctad) hat am Mittwoch eine Plattform zum Austausch der Schuldenländer untereinander eröffnet. Der ägyptische Finanzminister Ahmed Kouchouk mahnte, der „globale Dialog über Staatsverschuldung“ sei zu lange fast vollständig von den Gläubigern bestimmt worden. Die Schuldenlast der Schwellen- und Entwicklungsländer liegt bei mehr als 12 Billionen Dollar. Mehr als die Hälfte der Entwicklungsländer steht davor, ihre Schulden nicht mehr zahlen zu können. Die Regierungen von 54 Staaten mit rund 3,4 Milliarden Menschen zahlen mehr für den Schuldendienst als für Gesundheit oder Bildung.
Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten rücken die Frage der Verteilung von Wohlstand noch stärker in den Vordergrund. Sie wird nicht mehr verschwinden. Und mit ihr einher gehen die Herausforderungen der Migration. Angesichts der Ketten von Krisen werden die Stimmen Asiens, Afrikas, Südamerikas und des Pazifikraums anschwellen. Die Industrieländer brauchen Antworten.
Wo sehen Sie Chancen für eine bessere Entwicklung der armen Länder? Schreiben Sie uns gern unter weltwirtschaft@faz.de
Und: Atmen Sie durch,
Ihr Christoph Hein
Teamchat
Besonders freuen wir uns immer darauf, neben Berichten von Korrespondenten, Analysten oder Botschaftern Ihre Leserbriefe zu studieren. Sehr viele haben uns auf unsere Frage erreicht, was Sie für die drei wichtigsten Reformschritte der EU hielten. Fast alle Leserinnen und Leser waren der Meinung, die EU müsse sich zu „einer qualifizierten Mehrheit“ durchringen, um wichtige Abstimmungen voranzubringen. Es folgten Vorschläge wie „Bürokratie-Abbau“ und das „massive Kürzen der Sozialausgaben“ in den Mitgliedsländern. Ein Leser schrieb: „Jetzt alles in die Waagschale werfen, was der Wirtschaft auf die Beine hilft“. Ein weiterer drängte auf eine „noch engere Zusammenarbeit mit den demokratischen Staaten“. Und schließlich forderte ein Schreiber: „Den Bürgern endlich die tatsächliche Wahrheit
und keine alternativen Wahrheiten erzählen: das Wort „Sondervermögen“ gibt es zwar im Wirtschaftsrecht, aber nicht in der Politik, dort ist es schlicht eine Lüge. Die Zeiten der Wirtschaftswunder und des Schlaraffenlandes sind vorläufig vorbei, wir müssen jetzt alle sparen und die, die am meisten profitiert haben, natürlich auch am stärksten“.
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Daten zur Weltlage
Ägypten erhöht die Ausfuhrsteuer auf Talk von umgerechnet 25 Dollar auf 37,5 Dollar pro Tonne. Weitere aktuelle Handelsliberalisierungen und -beschränkungen zeigt unsere interaktive Karte.
Zusammenfassung: Brasilien ist Partnerland der Hannover Messe 2026 und präsentiert sich als größte Wirtschaftsmacht Lateinamerikas. Präsident Lula da Silva wird am Sonntag gemeinsam mit Bundeskanzler Merz die Messe am Sonntagabend eröffnen. Rund 1500 deutsche Unternehmen sind in Brasilien aktiv und verantworten ein Zehntel der industriellen Leistung des Landes. Als dominierender Motor der Mercosur-Region ist Brasilien zentraler Partner der EU beim Freihandelsabkommen, das am 1. Mai 2026 vorläufig rechtskräftig wird. Zugleich ist Brasilien aber längst ein wirtschaftlicher Brückenkopf Chinas in Lateinamerika.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, trifft Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva dpa
Zusammenfassung: Brasilien positioniert sich inmitten geopolitischer Spannungen zwischen den USA, Europa und China neu und präsentiert sich auf der Hannover Messe. Präsident Lula da Silva steht vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober unter Druck, da sein Herausforderer Flavio Bolsonaro in Umfragen knapp führt und innenpolitische Korruptionsskandale den Amtsinhaber belasten. Die Wirtschaft ist seit der Pandemie gewachsen, doch hohe Zinsen, eine Rekordsteuerbelastung von 32,4 Prozent des BIP und eine Staatsverschuldung von 90,9 Prozent trüben die Lage. Lula setzt auf internationale Einbindung und Sozialprogramme, um die Wähler zu überzeugen, doch der Verdacht eines Wahlerfolgs „auf Pump“ steht im Raum.
Zusammenfassung: Brasilien, das Partnerland der Hannover Messe, blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Nach der Ausrufung der Republik 1889 prägten Rohstoffboom, Industrialisierung und die Ära des Diktators Getúlio Vargas die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Deutsche Konzerne wie Siemens, Volkswagen und Mercedes-Benz trieben die Modernisierung voran. Nach zwei Jahrzehnten Militärherrschaft kehrte das Land 1985 zur Demokratie zurück und stabilisierte seine Wirtschaft 1994 mit dem Real.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck jubeln Mitte Juli 2017 in Rio de Janeiro nach dem Gewinn des Weltmeister-Titels in der Kabine des Maracan-Stadions mit den deutschen Nationalspielern Picture Alliance
Der Mittlere Osten liefert rund 40 Prozent des Energiebedarfs Asiens und etwa 90 Prozent des Öls, das durch die Straße von Hormus verschifft wird, gehen nach Asien. Viele industrielle Verbraucher dort haben sich auf sehr wenige Lieferanten verlassen.
Die hohen Energiepreise treiben die Inflation und schränken die Staaten in ihrer Handlungsfreiheit ein. Also ziehen Anleger ihr Geld aus Asien ab und die Währungen geben nach – was den Import weiter verteuert.
Der wachsende Mangel an Flüssiggaseinfuhren wird zur stärkeren Nutzung von Kohle bei der Stromversorgung führen. Dafür aber braucht es Diesel, der ebenfalls knapp ist. Einige Länder haben die Kohle-Verstromung auch aus Klimagründen heruntergefahren – sie anzufahren brauchte Jahre.
Insbesondere China, Indien und Taiwan sind auf Lieferungen von Flüssiggas (Liquified Natural Gas, LNG) aus Qatar angewiesen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s rechnet mit sprunghaft steigenden Einfuhren aus Russland und den USA, um Ausfälle der Produktion in Qatar auszugleichen.
Die petrochemische Industrie in Asien hängt an der Lieferung von Naphtha (Rohbenzin) vor allem für die Produktion von Kunststoffen. Die Produktionsunterbrechungen haben schon jetzt zu höheren Preisen für Plastik und Medizintechnik geführt.
Für viele Länder ist er der Retter in der Not, wenn die Staatsfinanzen aus dem Ruder laufen. Der Internationale Währungsfonds (IWF, engl.: International Monetary Fund, IMF) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Washington, dessen Kernauftrag die Stabilisierung des internationalen Währungssystems ist. Der Fonds wurde 1944 in Bretton Woods als Kerninstitution der Nachkriegs-Finanzordnung gegründet. Die USA spielten dabei als wichtigste Kapitalgeber die Führungsrolle. Aus dieser Architektur entwickelte sich auch eine bis heute prägende informelle Personalregel: Die IWF-Spitze wird traditionell von einem Europäer besetzt, während im Gegenzug der Präsident der Weltbank üblicherweise ein Amerikaner ist. Der IWF unterstützt Länder wie die Ukraine, Argentinien,
Sri Lanka, Kenia, Sambia, Äthiopien oder Ghana als Teil der internationalen Finanzhilfe mit Krediten sowie Reform- und Stabilisierungsprogrammen. Schwellen- und Entwicklungsländer kritisieren vielfach die westliche Dominanz des IWF und seine Vergabepraxis, denn Kredite sind an strenge Spar- und Reformauflagen geknüpft. Der Währungsfonds, dem fast alle Länder der Erde angehören, bewertet auch die Risiken für Inflation, Wachstum, Zahlungsbilanzen und den Finanzsektor seiner Mitglieder. Diese Kennzahlen für die Weltwirtschaft präsentiert der IWF gerade bei seiner gemeinsamen Frühjahrstagung mit der Weltbank, die noch bis Samstag, den 18. April, dauert. (sbb.)
Zusammenfassung: Bulgarien wählt am Sonntag zum achten Mal seit 2021 ein Parlament, und erstmals könnte eine stabile Regierung entstehen. Als Favorit gilt der frühere Staatspräsident Rumen Radew, der im Januar zurücktrat und nun mit dem Bündnis „Progressives Bulgarien“ als Ministerpräsident kandidiert. Umfragen sehen ihn bei bis zu einem Drittel der Stimmen, doch seine wirtschaftspolitische Agenda bleibt unklar. Deutsche Investoren fordern vor allem Korruptionsbekämpfung, regulatorische Stabilität und den Erhalt des pauschalen Steuersatzes von zehn Prozent. Das Land bleibt als Standort attraktiv, wie ein Anstieg der Direktinvestitionen um fast 14 Prozent auf 3,26 Milliarden Euro zeigt.
Gestern Staatspräsident, morgen Regierungschef? Rumen Radew will in Sofia an die Macht. AFP
Zusammenfassung: Der Irankrieg gefährdet die ökonomische Erholung Subsahara-Afrikas, dessen Volkswirtschaften trotz externer Schocks um drei bis vier Prozent wachsen. Das Schließen der Straße von Hormus trifft die Region über drei Kanäle: steigende Energie- und Lebensmittelpreise, einen möglichen Rückzug von Investoren aus den Golfstaaten sowie den Ausfall von Rücküberweisungen, die mit über 50 Milliarden Dollar der wichtigste externe Finanzstrom sind. Auf lange Sicht muss der Kontinent seine strukturelle Abhängigkeit von externen Energiequellen durch eigene Verarbeitungskapazitäten und erneuerbare Energien verringern.
Zusammenfassung: Die Weltwirtschaft wächst laut IWF-Prognose 2026 nur um 3,1 Prozent und damit schwächer als noch im Januar erwartet. Die US-Wirtschaft erweist sich indes als überraschend widerstandsfähig. Gleichzeitig wächst das Misstrauen in das globale Finanzsystem. Unter den „Safe haven“-Währungen Dollar, Yen und Franken sind bei Dollar und Yen Zweifel angebracht, weil die Staatsschuldenquoten der USA und Japans bei rund 125 und 230 Prozent des BIP liegen. Die Schweiz mit nur 35 Prozent Schuldenquote steht unter permanentem Aufwertungsdruck, was die Nationalbank zu Devisenmarktinterventionen veranlasst und zeigt, dass die Suche nach sicheren Häfen selbst Verzerrungen erzeugt.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD) residiert gediegen im Château de la Muette im exklusiven 16. Arrondissement von Paris; passend für den Klub reicher Industriestaaten, der eine ungeahnte Anziehungskraft entwickelt. Im Augenblick stehen acht Länder in Paris Schlange, um Mitglied zu werden, unter ihnen die Schwergewichte Brasilien, Argentinien, Thailand und Indonesien. Warum wollen diese Staaten in den angegrauten Klub der Industriestaaten?
Die OECD ist ein Kind des Kalten Krieges und sollte ursprünglich die Wirtschaftspolitik ihrer Mitglieder, auch Westdeutschlands, in der Nachkriegszeit koordinieren helfen. Heute zählt die Organisation 38 Mitgliedstaaten von Deutschland und den USA bis Japan und Chile und hat sich zu einer Art internationalem Politik-TÜV entwickelt. Sie sammelt Daten, schreibt Analysen, gibt Empfehlungen – in Feldern wie Bildung, Arbeitsmärkte, soziale Sicherung und Umwelt. Die Mission: Durch nüchterne Zahlen und „Best Practices“ die Politik ihrer Mitglieder und Partnerländer besser machen.
Die mehr als 3000 Mitarbeiter um Generalsekretär Mathias Cormann, einen gebürtigen Belgier, der später australischer Finanzminister war, werkeln weitgehend im Verborgenen. Doch einige ihrer Vergleichsstudien schlagen ein. Wie die berühmte PISA-Bildungsstudie, die in vielen Ländern Schocks auslöste und ihnen bis heute den Spiegel vorhält. Klare Indikatoren vergleichen den Lernerfolg in allen Mitgliedsstaaten.
Wer will hier freiwillig rein? Tatsächlich wirkt die Mitgliedschaft in der OECD wie ein Gütesiegel. Schon Bewerber müssen Empfehlungen und Standards umsetzen, Fachausschüsse prüfen ihre Politik jahrelang. Der Aufwand lohnt sich: Wer das Siegel trägt, dem vertrauen Handelspartner und Kreditgeber eher. Es zieht Investoren an und hilft bei schmerzhaften Reformen, etwa bei der Bildung.
Die Warteliste in Paris zeigt die Strategie vieler Staaten: Optionen offenhalten, unterschiedliche Foren nutzen. Brasilien ist bereits Mitglied im Klub der BRICS um Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika und will trotzdem in die OECD. Die Organisation wird damit vom Klub der Reichen zum internationalen Vorgeber von Standards.
Fehlt nur noch ein Mitglied aus Afrika.
Kurz & knapp
• Chinas Wirtschaftsleistung ist im ersten Quartal im Jahresvergleich um 5 Prozent gestiegen. Analysten hatten 4,8 Prozent erwartet, der Vergleichswert hatte bei 4,5 Prozent gelegen. Die Exporte stiegen um rund 15 Prozent, das stärkste Quartalswachstum seit fast vier Jahren. Insbesondere Elektronik und grüne Technik legten zu.
• China richtet ein Büro für Auslandsvermögen der Staatsfirmen
ein. Die Abteilung der State-owned Assets Supervision and Administration Commission of the State Council (SASAC) soll die Risikoprävention bei Auslandsinvestitionen und -geschäften stärken sowie auf Krisen- und Notlagen im Ausland reagieren. Die Staatsunternehmen haben über mehr als 8000 Niederlassungen und Projekte in über 180 Ländern und Regionen mit rund 1,25 Millionen Beschäftigten im Ausland vor allem im Bereich strategischer Ressourcen wie Energie, Rohstoffe und Infrastruktur.
• Die Internationale Energieagentur (IEA) hat ihren Ausblick für die Ölnachfrage 2026 drastisch nach unten korrigiert. Sie rechnet mit einem Rückgang der globalen Ölnachfrage um 80.000 Barrel pro Tag im Jahr 2026. Bislang war sie von einem Anstieg von 640.000 Barrel pro Tag ausgegangen. Sie hatte für dieses Jahr einen Anstieg der Fördermenge um 1,1 Barrel (Fass, 159 Liter) vorhergesagt und rechnet nun mit einen Rückgang um 1,5 Millionen Barrel täglich.
• Nigeria wird aufgrund des Iran-Krieges Unterstützung durch Weltbank
und Internationalen Währungsfonds (IWF) suchen. Der Preis für Benzin sei seit dem Angriff der Amerikaner und Israelis um 50, der für Diesel um 70 Prozent gestiegen. Finanzminister Wale Edun, der der G-24 Gruppe der Schwellenländer vorsitzt, drängt auf mehr Fairness bei den globalen Finanzierungskosten und eine stärkere Unterstützung reformwilliger Länder.
Rückspiegel
Gründerväter der Montanunion 1951: Die Außenminister Belgiens, Luxemburgs, Italiens, Frankreichs, Deutschlands und der Niederlande in Paris. In der Mitte die Initiatoren Robert Schuman und Konrad Adenauer (3. v. re.), damals sowohl Bundeskanzler als auch deutscher Außenminister. Picture Alliance
Am 18. April 1951 gründen sechs Staaten, darunter die Bundesrepublik, die Montanunion. Sie ist der Grundstein für den europäischen Binnenmarkt – und ermöglicht das deutsche Wirtschaftswunder.
Nach drei Generationen, die die europäische Integration durchlaufen haben, ist es schwer vorstellbar, was für ein politischer Kraftakt die Montanunion 1951 gewesen sein muss. Nur sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sind sechs europäische Staaten, darunter die jahrzehntelangen „Erzfeinde“ Deutschland und Frankreich, bereit, die nationale Kontrolle über die beiden damals wichtigsten Industriebranchen an eine supranationale Institution abzugeben. „Es ist vielleicht die Chance unseres Jahrzehnts“, kommentiert F.A.Z.-Herausgeber Hans Baumgarten damals diesen historischen Schritt. Er schüre die Hoffnung, dass „das deutsche Volk und seine Nachbarn ihre wirtschaftlichen und sozialen Interessen nicht nur gleichschalten, sondern verbinden und dass dieser Anfang zu wachsendem
Vertrauen und zu weiterer Vereinheitlichung … führt.“
Die Montanunion, wie die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl kurz genannt und am 18. April 1951 offiziell beschlossen wird, hat ein geoökonomisches Ziel: In dem anschwellenden Ost-West-Konflikt zeichnet sich ab, dass die kleineren mittel- und westeuropäischen Staaten nur gemeinsam mit den Großmächten USA und Sowjetunion mithalten können. Indem die Europäer sich zu einem gemeinsamen Markt zusammenschließen, erhöhen sie einerseits ihr globales Gewicht. Und andererseits verringern sie durch eine wachsende Integration die Gefahr nationaler Alleingänge, die der Gemeinschaft schaden. Dafür übertragen die Mitglieder wirtschaftspolitische Zuständigkeiten an eine neue supranationale Institution, die Hohe Behörde.
Mit der Montanunion, die schrittweise bis 1953 in Kraft tritt, fallen viele nationale Handelsbarrieren und Zölle für Stahl und Kohle weg. Dieser Binnenmarkt, aber auch eine wachsende Nachfrage infolge des Koreakriegs beleben die europäischen Volkswirtschaften nachhaltig: Der Stahlhandel innerhalb der Union verzehnfacht sich innerhalb von zwei Jahrzehnten. Dauerhaft vor Veränderungen auf dem Weltmarkt bewahren kann die Montanunion die europäischen Industrien allerdings nicht: Von den Sechzigern und Siebzigern an müssen Europas Industrien einen schmerzhaften und langwierigen Strukturwandel durchlaufen.
Baumgartens Hoffnung jedoch erfüllt sich: Aus der Hohen Behörde entstehen die EU-Kommission und das EU-Parlament, und die Montanunion wird schrittweise zum gemeinsamen Markt und zur politischen Union mit heute 27 Mitgliedstaaten und 450 Millionen Bürgern ausgebaut.