ich weiß nicht, ob Sie regelmäßig auch dieses bisweilen schon bühnenreife rituelle Schauspiel der Nobelpreis-Verkündigungen verfolgen. Mir läuft es jedes Mal heiß und kalt den Rücken herunter. Die Choreographie ist der eine Grund, innerlich bereitet man sich wie auf die Ausrufung einer Thronbesteigung vor. Dieses majestätische Kribbeln vor dem ersten, halbwegs verständlichen englischen Satz, der nach der ebenso feierlich vorgetragenen schwedischen Bekanntmachung folgt, ist einfach unbezahlbar. Dann allerdings, und das löst unweigerlich das kalte Schaudern aus, hört es oft schnell auf mit dem Hochgefühl der Proklamation. Wer? Was? Echt? Wieder ist man gescheitert mit seiner Vorhersage. Zurück auf Los.
Diesmal war es freilich anders, es war fast eine Erlösung. Mit dem Medizin-Nobelpreis an die zwei Deutschen Peter Hegemann und Georg Nagel sowie an den dritten Optogenetik-Pionier Karl Deisseroth
sind drei Forscher in den Olymp der Wissenschaften berufen worden, die mir seit Langem im Kopf herumspuken. Im Interview vor etwas mehr als einem Jahr hat Hegemann auf meine Nobelpreis-Spekulationen hin unverblümt zu erkennen gegeben, dass er sich längst innerlich davor gewappnet hat, übergangen zu werden: „Wissen Sie“, sagte er, „bei solchen Preisen weiß man nie, wer ihn bekommt.“ Tatsächlich hätten die Juroren des Stockholmer Karolinska-Instituts aus guten Gründen auch andere Namen verkünden können: Ed Boyden etwa (Deissenroths Doktorand damals in Stanford und Erstautor eines wegweisenden „Nature“-Papers) oder den Chinesen Feng Zhang, Zweitautor, oder den dritten Deutschen, Ernst Bamberg, der Nagel entdeckt hatte und am Max-Planck-Institut für Biophysik förderte.
Joachim Müller-Jung
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Wissenschaft“.
All diese Namen werden nun heiß diskutiert in den sozialen Medien – und mit Recht. Das hebt die Nobelproklamation am Ende doch auch angenehm, geradezu urdemokratisch von jenem royalen Personenkult ab, der in der Wissenschaft selten gesucht wird. Sich dann auch dafür zu entscheiden, wie die Königlich-Schwedische Akademie einen Tag später, mit Francis Halzen nur einen einzigen Physik-Laureaten zu verkünden, gehört ebenso zu dieser bewundernswerten Freiheit und Selbstbestimmtheit, die Wissenschaft generell und kulturübergreifend genießt.
Für alle, die auf diese oder überhaupt jede Art von Celebritys allergisch reagieren, haben wir natürlich auch in diesem Wissen-Newsletter wieder einiges zu bieten: Kollegin Laura Fräulin blickt sportwissenschaftlich hinter die gut verkäufliche Kulisse des Liebscher-Bracht-Gesundheitsunternehmens, Ulf von Rauchhaupt dekonstruiert die Jagd der KI-Firmen nach der maschinellen Seele, Andreas Frey geht den psychologischen Gründen für den phänomenalen
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